[30.04.2010]
In dem bei Fürstenberg gelegenen Ravensbrück ließ die SS 1939 das größte Frauenkonzentrationslager auf deutschem Gebiet errichten. Im Frühjahr 1939 kam es zur Einlieferung der ersten weiblichen Häftlinge aus dem KZ Lichtenburg nach Ravensbrück. Im April 1941 wurde, was heute weniger bekannt ist, auch ein Männerlager Ravensbrück eingerichtet. Im Juni 1942 kam das in Laufweite gelegene so genannte „Jugendschutzlager Uckermark“ für junge Frauen und Mädchen hinzu.
Das Frauenkonzentrationslager wurde bis 1945 ständig erweitert. Die Häftlingsunterkünfte bestanden aus immer zahlreicheren Baracken, zu denen auf Grund der „Evakuierungen“ aus in Osteuropa gelegenen KZ und Vernichtungslagern im Herbst 1944 ein Zelt hinzukam. Auf dem Lagergelände befanden sich Produktionsstätten für Zwangsarbeit; auch außerhalb des Geländes entstanden Werkhallen. Ravensbrück verfügte über mehr als 40 Außenlager, in denen ebenfalls Zwangsarbeit verrichtet wurde.
In den Jahren 1939 bis 1945 sind etwa 132.000 Frauen und Kinder, 1.000 weibliche Jugendliche und 20.000 Männer als Häftlinge registriert worden. Unter den Deportierten waren Frauen und Männer aus mehr als 40 Nationen.
Darunter waren zunächst nur wenige Juden, weil diese ab 1941/42 nach Osteuropa und hier oftmals direkt in die Vernichtungslager deportiert wurden. Insgesamt stieg die Zahl der jüdischen Häftlinge in Ravensbrück erst ab 1944 auf Grund der nach Ravensbrück geleiteten „Todesmärsche“ an. Bis 1942 waren es vor allem Frauen aus Deutschland und Österreich, die nach Ravensbrück eingewiesen wurden. So genannte Bibelforscherinnen (Zeugen Jehovas) und politische Oppositionelle bildeten anfangs große Häftlingsgruppen. Hinzu kamen bereits im Juni 1939 mehr als 400 Sinti und Roma aus dem österreichischen Burgenland, die als „Asoziale“ diffamiert und gekennzeichnet wurden. 1944 erreichten mehr als 1.000 weibliche Sinti und Roma Ravensbrück. Sie waren vorher in Auschwitz gewesen.
Ab 1942 wurden Frauen aus den unterschiedlichsten Ländern nach Ravensbrück deportiert. Die meisten waren entweder im Widerstand gewesen oder wurden als Zwangsarbeiterinnen unterschiedlichster „Delikte“ und „Arbeitsvergehen“ bezichtigt. Die Häftlinge kamen nun verstärkt aus Frankreich, Polen, Russland und der Ukraine. Ab 1943 kam es zu Deportationen weiblicher Gefangener aus Gefängnissen und Lagern im besetzten Europa. Hiermit wurde den Bestrebungen der SS Rechnung getragen, arbeitsfähige Häftlinge in der Rüstungsindustrie als Zwangsarbeiter einzusetzen. Durch die andauernden Transporte nach Ravensbrück erhöhte sich die Zahl der Inhaftierten drastisch – allein in der zweiten Jahreshälfte 1944 um mehr als 48.000.
Im KZ Ravensbrück wurden mehr als 800 Kinder zwischen zwei und 16 Jahren inhaftiert. Darüber hinaus sind in dem erhalten gebliebenen Geburtenbuch allein für die Monate zwischen Mitte September 1944 und Mitte April 1945 mehr als 500 Geburten verzeichnet. Mehr als die Hälfte der Kinder starb wenige Wochen nach der Geburt. Von den nach Ravensbrück verschleppten Kindern überlebten nur wenige. Die Gesamtzahl der Todesopfer in Ravensbrück liegt zwischen 20.000 und 30.000.
Anfang 1945 war das KZ Ravensbrück inklusive seiner noch bestehenden Außenlager total überfüllt. Mehr als 46.000 weibliche und rund 7.800 männliche Häftlinge befanden sich dort. Durch Transporte in die KZ Mauthausen und Bergen-Belsen versuchte die SS, die Zahl der Häftlinge zu reduzieren. Die männlichen Häftlinge des KZ Ravensbrück „evakuierte“ die SS Anfang März in das KZ Sachsenhausen. Mitte April aber kamen neue männliche Häftlinge über die „Evakuierungstransporte“ in Ravensbrück an. Es waren cirka 6.000 Häftlinge aus Mittelbau-Dora und dem Neuengammer Außenlager Watenstedt. Nahezu zeitgleich konnten im April 1945 durch das Internationale, das Schwedische und Dänische Rote Kreuz cirka 7.500 Häftlinge nach Schweden gebracht werden („Weiße Busse“). Diese Aktion betraf vor allem Frauen aus Skandinavien, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Frankreich und Polen. Am 24. und 26. April mussten die geschwächten und nicht versorgten männlichen Häftlinge Richtung Nordwesten auf einen Todesmarsch. Am 27. und 28. April mussten rund 20.000 Frauen einen solchen Marsch antreten. Etwa 2.000 kranke Frauen, Männer und Kinder blieben auf dem Lagergelände zurück, wo sie am 30. April durch die Rote Armee befreit wurden.
Verurteilung der Täter
Zwischen 1946 und 1948 mussten sich in sieben Prozessen vor einem britischen Militärgericht in Hamburg Angehörige des SS-Personals in Ravensbrück für ihre Verbrechen verantworten. 17 Männer und 21 Frauen waren angeklagt, 19 Personen wurden zum Tode verurteilt und 14 zu verschieden hohen Haftstrafen. In Nürnberg wurden 1946/47 SS-Ärzte auch wegen medizinischer Experimente an Frauen in Ravensbrück angeklagt. Zudem kam es 1949 und 1950 zu Gerichtsverfahren in der französischen Zone in Rastatt.
Beim ITS
Im ITS befinden sich historische Dokumente über das Lager selbst. Außerdem viele Unterlagen über die dort Inhaftierten bzw. die Überlebenden. Manches sind Originale, anderes wieder sind Kopien. Die Bestände geben einen umfassenden Einblick in den Lageralltag.
Genowefa Olejniczak
„In Ravensbrück kam ich am 27. Juli 1941 an und blieb bis Kriegsende inhaftiert. Ich musste dort schwer arbeiten. Zuerst wurde ich in ein Strafkommando eingewiesen, dann arbeitete ich in der Strohflechterei, später in der Kürschnerei und schließlich in der Näherei im Industriehof, wo wir Mützen für die SS nähten. Diese Arbeit war sehr ermüdend: zwölf Stunden Akkordarbeit. In der Nacht vom 27. zum 28. April 1945, es begann schon zu dämmern, wurde das Lager evakuiert. Wir waren Tag und Nacht ohne Essen, ohne Trinken und ohne Schlaf unterwegs – die SS eskortierte uns mit Hunden. So wurden wir bis nach Neustrelitz getrieben. Dann ging es in Richtung Westen zu einem Sammelpunkt, weil wir auf ein Schiff nach Schweden kommen sollten. Aber das Ziel haben wir nicht mehr erreicht, inzwischen war alles bombardiert.
In der ersten Zeit wieder zu Hause konnte ich überhaupt nicht laufen. … Nach einiger Zeit kam ich wieder zu Kräften und konnte das Haus verlassen. Ich lernte einen Mann kennen und heiratete ihn. Ich lebte aber nicht lange mit ihm zusammen, vielleicht anderthalb Jahre. Er war Bahnhofsvorsteher in Poznan-Garbary und wurde dort 1947 von einem russischen Soldaten erschossen. So wurde ich Witwe mit einem neun Monate alten Töchterchen. Nach drei Jahren heiratete ich zum zweiten Mal. Ich frage mich selbst, wie ich das alles ausgehalten habe, dass ich noch lebe und normal bin. Wenn ich keinen Glauben hätte, hätte ich das alles nicht überstanden.“ (Genowefa Olejniczak aus Poznan. Sie wurde zum Arbeitseinsatz zwangsverpflichtet; sie beging Sabotage und kam nach Ravensbrück. Quelle: http://www.bpb.de/themen/N64UNS,0,0,Ich_habe_Angst_vor_dem_Tod_gehabt_.html)
Irmgard Konrad
„Bereits im September 1933, acht Monate nach der Machtübernahme der Nazis, wurde ich das erste Mal verhaftet. … So saß ich in Untersuchungshaft, kam aber wieder frei, weil ich nicht belastet wurde. … Für Fritz und mich begann die schwerste Zeit, als ich ab 1941 den Stern tragen musste und zur Zwangsarbeit in eine Papierfabrik bei Sackrau herangezogen wurde. Fritz stand, trotz aller Gefahren für ihn, die ganze Zeit zu mir. Im Sommer 1942 wurde ich erneut verhaftet und vom Breslauer Untersuchungsgefängnis direkt nach Auschwitz überstellt. Mit dem so genannten ‚Mischlingstransport’ kam ich 1943 nach Ravensbrück. … Ende April 1945 wurden wir auf den Todesmarsch getrieben. In den ersten Maitagen erlebte ich dann in dem mecklenburgischen Dorf Kritzow die Befreiung. Über den Internationalen Suchdienst forschte ich nach dem Verbleib von Fritz. Er suchte mich auch, und schließlich kam 1947 ein Lebenszeichen von ihm. Wir hatten uns wieder gefunden und konnten endlich in Leipzig ein neues Leben beginnen. … Natürlich hat das Lagerleben körperlich und seelisch tiefe Spuren hinterlassen, aber man ist auch politisch reifer geworden.“ (Irmgard Konrad aus Wroclaw/Breslau. Sie wurde als Kommunistin und so genannte „Halbjüdin“ deportiert. Quelle: www.bpb.de/themen/5MGFOW,0,0,Ich_wei%DF_nicht_wie_viel_Tausende_Frauen_wir_waren_.html Quelle: Frauenkonzentrationslager Ravensbrück - Kalendarium 2000, Senatsverwaltung für Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen, Berlin, 1999
Gedenkstätte Ravensbrück: http://www.ravensbrueck.de/mgr/neu/index.htm
Dossier der BpB über Ravensbrück, letzter Aufruf: 31.03.10) www.bpb.de/themen/SHJ187,0,0,Ravensbr%FCck_%96_%DCberlebende_erz%E4hlen.html
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