Forscher nehmen ITS-Archiv als neue Quelle an

Ein Jahr nach der Öffnung des Archivs des Internationalen Suchdienstes (ITS) für die Forschung hat Direktor Reto Meister eine erste positive Bilanz ziehen können. „Der Inhalt des Archivs entspricht den hohen Erwartungen der Benutzer“, so Meister. „Die Dokumente erweisen sich als eine wichtige neue Quelle für die historische Aufarbeitung der Nazi-Gräuel und ihrer Folgen.“
Historiker von Gedenkstätten, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Museen, aber auch Rechtswissenschaftler, Archivare, Genealogen und Heimatforscher zeigen Interesse an den Dokumenten. Insgesamt haben den Internationalen Suchdienst seit der Öffnung knapp 1300 Besucher aus 24 Ländern aufgesucht, darunter 330 Forscher, 100 Journalisten sowie 290 Opfer der NS-Verfolgung und deren Familienangehörige. Von den insgesamt 11.300 schriftlichen Anfragen aus 77 Ländern, die den ITS in den vergangenen zwölf Monaten erreichten, stammte etwa ein Viertel (2920 Anfragen) von Wissenschaftlern und Journalisten.
Wir konnten im ersten Jahr des Öffnungsprozesses viele Erfahrungen sammeln in der Zusammenarbeit mit den Forschern und wertvolle Kontakte knüpfen“, berichtete Meister. Seit dem 28. November 2007 ist das Archiv des Internationalen Suchdienstes für die historische Forschung zugänglich, nachdem alle elf Mitgliedsstaaten des Internationalen Ausschusses das Änderungsprotokoll zu den Bonner Verträgen von 1955 endgültig ratifiziert hatten. Der Internationale Ausschuss beaufsichtigt die Arbeit des ITS und hatte die Öffnung des Archivs im Jahr 2006 beschlossen.
Diese markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Einrichtung. Konzentrierte sich die Tätigkeit des Suchdienstes bisher auf die Aufklärung von Einzelschicksalen, wandelt sich der ITS allmählich zu einem bedeutenden Archiv für die Forschung. „Damit leistet der ITS einen wichtigen Beitrag zu einer vertieften gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem finstersten Kapitel der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“, so Meister. Die Öffnung des Archivs trage dazu bei, die Kenntnisse über die NS-Verfolgung weiter zu vervollständigen. So lassen sich beim ITS verschiedene sozialhistorische, juristische, medizinische und psychologische Fragestellungen erstmals erforschen. Das System der Konzentrationslager, die Dimensionen der Zwangsarbeit, die Migrationsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg oder die Entschädigungspolitik können recherchiert werden.
Der ITS unterstützt die Wissenschaftler bei ihren Projekten. Arbeitsräume für Besucher und ein Lesesaal wurden eingerichtet, eine Bibliothek befindet sich im Aufbau. Mit Irmtrud Wojak engagierte der ITS im Februar 2008 eine renommierte Historikerin, die den Bereich der Forschung aufbaut. „Der ITS bietet ein einzigartiges Archiv über die zivilen Opfer des NS-Regimes, das es in vollem Umfang zu entdecken gilt“, sagte Wojak. „Wir informieren über Forschungsmöglichkeiten und treiben gemeinsame Projekte voran.“
Eine vordringliche Aufgabe für den ITS bleibt die bessere Erschließung der Dokumente für die historische Forschung. Bislang bildete beim Suchdienst die Zentrale Namenkartei den Schlüssel zu den Dokumenten. Forscher benötigen jedoch weitere Findmittel sowie eine tiefer gehende Indizierung und Katalogisierung der Bestände. Hierfür wird der Archivar Karsten Kühnel ab Dezember 2008 die Verantwortung übernehmen. „Angesichts der enormen Masse an Dokumenten von 26.000 laufenden Metern sprechen wir von einem langfristigen Projekt“, erläuterte Meister. Zugleich setzt der ITS mit Hochdruck die Digitalisierung seiner Dokumente fort, damit der Zugriff auf Originaldokumente nur noch in Einzelfällen erfolgen muss.
Mit der Entwicklung des ITS von einem Suchdienst zu einem Archiv für die Forschung hat sich auch die Frage nach der künftigen Struktur und Trägerschaft der Einrichtung gestellt. Der Internationale Ausschuss eröffnete die Debatte um die Zukunft im Mai 2008 und richtete eine entsprechende Arbeitsgruppe ein. Diese wird für die nächste Jahresversammlung des Ausschusses im Mai kommenden Jahres in London einen ersten schriftlichen Bericht erarbeiten.
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