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40 Franzosen zu Besuch beim ITS

Auf den Spuren seines seit 1945 verschollenen Großonkels Joseph hat Laurent Guillet mit einer Gruppe von 40 Personen auch Halt beim Internationalen Suchdienst (ITS/International Tracing Service) in Bad Arolsen gemacht. Für sein Buch „Il s’appelait Joseph“ (Er hieß Joseph), welches er im vergangenen Jahr veröffentlicht hat, wurde er von der Französischen Verbindungsmission beim ITS unterstützt. „Es ist keine Reise, die wir hier unternehmen, sondern ein ‚Rendezvous eines Literarischen Weges‘“, so Guillet. „Autor und Leser treffen sich an Orten, die in einem Buch beschrieben sind. So werden aus den geschriebenen Worten Bilder.“

Orte in Frankreich, Deutschland und Tschechien wollen die Teilnehmer im Alter von 28 bis 86 Jahre besuchen. Unter ihnen sind Mitglieder der Familie von Joseph, Freunde, Enkel von Deportierten, Kriegsgefangenen, Kriegskinder und Geschichtsbegeisterte. „Alle zusammen symbolisieren wir die ‚Folgen‘ des Krieges“, erzählt der Autor. „Einige sind traumatisiert von den Erlebnissen in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Für sie ist es eine besondere Art der Aufarbeitung ihrer Geschichte.“

In Arolsen haben sich die Franzosen einen Überblick über die Archivbestände, die Anfragenbearbeitung sowie die Aufgaben der Französischen Verbindungsmission verschafft. Zwei Teilnehmern konnten während des Besuchs Kopien von Dokumenten ihrer Angehörigen übergeben werden. Armande Agaesses jüdischer Schwiegervater wurde von den Nationalsozialisten in Frankreich verhaftet und über das Sammel- und Durchgangslager in Drancy in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Hier ist er am 25. März 1945 verstorben. Im Archiv des ITS werden eine Sterbeurkunde sowie Auszüge aus dem Totenbuch, der Transportliste, dem Zugangs- und Nummernbuch des KZ Mauthausen über Agaesses Schwiegervater aufbewahrt. „Die Dokumente vom ITS stellen den Abschluss einer 50-jährigen Suche dar“, so Agaesse. „Ich bin gerührt und unendlich dankbar.“

Auch die Familie von Alain Nocquet war von der nationalsozialistischen Verfolgung betroffen. Seine Großmutter war im französischen Widerstand tätig. Sie hat die Inhaftierung in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Buchenwald überlebt. „Dank der Hilfe von Laurent und durch die Geschichte von Joseph werde ich während der Reise nicht nur das Andenken meiner Großeltern gedenken, sondern auch all derer, die selbstlos gegen den Feind gekämpft haben“, erklärt er seine Teilnahme. „Mit ihrem Blut, ihren Leiden und ihren Tränen haben sie uns zurückgegeben, was am teuersten ist: die Freiheit. Mögen sie nie in Vergessenheit geraten.“

Begonnen hat die 13-tägige Unternehmung vor dem Geburtshaus von Joseph in Trévelo Limerzel, einer kleinen Gemeinde in der Bretagne. Unter anderem stehen Berlin, Dresden, Zwickau, Plauen, Litvinov (Tschechien) und Sarrebourg (Frankreich) auf der Erinnerungsroute der Gruppe. „An einigen dieser Orte werden wir Tafeln in vier Sprachen aufstellen, auf denen Teile von Josephs Schicksal abgedruckt sind“, so der Schriftsteller. „Dadurch wird auch in vielen Jahren an das Schicksal meines Großonkels und der vielen Zivil- und Militäropfer gedacht.“