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Anfragen um mehr als 25 Prozent gestiegen

Bild zeigt: Korrespondenzakten im Archiv des ITS
Im Archiv des ITS gibt es rund drei Millionen Korrespondenzakten, in denen die Schriftwechsel zwischen dem ITS und Behörden, Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung sowie Familienangehörigen enthalten sind.

Im vergangenen Jahr wandten sich mehr als 15.000 Menschen an den International Tracing Service (ITS), um Auskünfte über NS-Verfolgte zu erhalten. Damit ist die Zahl der Anfragen im Vergleich zu 2014 um rund ein Viertel gestiegen.

Die Klärung des Schicksals von Verfolgten des NS-Regimes, die Suche nach Familienangehörigen sowie die Erteilung von Auskünften an Überlebende und Familienangehörige von NS-Opfern zählt zu den bedeutenden Aufgaben des International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen. Wie aktuell und wichtig diese Arbeit auch im 70. Jahr nach der Befreiung 1945 war, belegen die Zahlen aus dem Jahr 2015, die Floriane Hohenberg als neue Direktorin des ITS jetzt bekannt gab: Die Anfragen an den ITS stiegen von mehr als 12.100 im Jahr 2014 auf rund 15.500 an. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Für die Anfragenwelle von Überlebenden der NS-Verfolgung sind Renten für bisher ausgeklammerte Opfergruppen zu nennen. Durch eine Änderung in der polnischen Gesetzgebung erhalten nun auch jene jüdischen NS-Verfolgten Renten, die zur Zeit der Verfolgung in Polen waren, seitdem aber außerhalb des Landes leben. Auch die Reform der Ghettorenten, die nach einer Schätzung der Deutschen Bundesregierung für circa 40.000 noch lebende Ghetto-Arbeiterinnen und Arbeiter bedeutsam ist, sorgte für deutlich vermehrte Anfragen. Floriane Hohenberg erklärte, dass die Auskünfte über die Schicksale dieser hochbetagten Menschen beim ITS auch 2016 mit oberster Priorität behandelt werden, damit sie umgehend ihre Rentenanträge stellen können.

Gestiegenes Interesse von Angehörigen der 2. und 3. Generation

Doch die Auswertung der Zahlen zeigt, dass der Anstieg nicht allein in den vermehrten Anfragen von Überlebeden begründet ist. In knapp 50 Prozent der Fälle kontaktierten Familienangehörige den ITS, um Auskünfte über Verfolgungswege zu bekommen. „Wir gehen davon aus, dass die stärkere Berichterstattung über den Nationalsozialismus aufgrund des 70. Jahrestags der Befreiung für viele Menschen ein Anlass gewesen sein kann, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen. Außerdem wird der ITS immer bekannter und mehr Menschen nehmen dankbar die Möglichkeit in Anspruch, endlich zu erfahren, was den Eltern oder Großeltern wiederfahren ist“, so Floriane Hohenberg. „In vielen Fällen haben sich Traumata auf nachfolgende Generationen übertragen. Eine Aufarbeitung der Familiengeschichte kann sehr hilfreich sein“, erläuterte die französische Soziologin, die am 1. Januar 2016 die Leitung des ITS von der US-amerikanischen Historikerin Prof. Dr. Rebecca Boehling übernommen hat.

Die Anfragen an den ITS kamen 2015 aus 77 Ländern. Rund ein Viertel stammt aus Deutschland, danach kommen die Russische Föderation, Polen, die USA sowie Frankreich. Auch Menschen aus China, Indien, dem Irak, Japan, Kenia, Namibia und Palau wandten sich an den ITS.

Hohe Zugriffszahlen auf das neue Online-Archiv des ITS

Außerdem konnte der ITS eine erste Bilanz über die Nutzung des Online-Archivs vorlegen, in dem seit Oktober 2015 drei ausgewählte Bestände des ITS für den weltweiten Zugriff bereitgestellt wurden. Bis Dezember hatten bereits über 36.000 Nutzer mit den veröffentlichten Beständen gearbeitet. Besondere Wellen hat die Veröffentlichung der Effektenfotos geschlagen. Journalisten und interessierte Privatpersonen recherchierten und lieferten entscheidende Hinweise, so dass der ITS einige der im Archiv aufbewahrten persönlichen Gegenstände an die Nachfahren von NS-Opfern aushändigen konnte.

Für Floriane Hohenberg ist die Veröffentlichung der Bestände ein bedeutender Schritt: „Ich sehe es als zentrale Aufgabe des ITS, das Online-Archiv kontinuierlich auszubauen. Es ist wichtig, dass die Dokumente noch stärker genutzt werden können – für die Angehörigen, aber auch für historisch-politische Bildungsarbeit und Forschung.“

Das Online-Archiv finden Sie unter: digitalcollections.its-arolsen.org