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Angekommen - Veranstaltung zur Suche und Schicksalsklärung

Welche Bedeutung die Suche nach Familienangehörigen auch über sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch haben kann, schilderten Renate Bauer und Victor Sokolovs bei der Veranstaltung „Angekommen - Suche und Schicksalsklärung heute“ am 2. November 2011 im Rauch-Museum Bad Arolsen. „Was das Finden meines Vaters für mich bedeutet hat, kann ich kaum mit Worten beschreiben“, sagte Bauer vor den etwa 120 Gästen. „Ich bin darüber sehr glücklich und voller Dankbarkeit für die Arbeit des Internationalen Suchdienstes.“

Mit Wurzeln versehenes Lebensgefühl

Bauer ist das Kind einer verbotenen Beziehung zwischen einem französischen Kriegsgefangenen und einer Deutschen im thüringischen Waltershausen. Ihren Vater hat sie nie kennen lernen können. „Die Liebe verraten wurde“, weiß sie. Die Nationalsozialisten verschleppten den Vater in ein Straflager, bevor seine Tochter im Mai 1944 auf die Welt kam. Nach dem Ende des Krieges ging er nach Frankreich zurück ohne das Wissen um ein Kind. Bauer wuchs mit der Aussage auf, dass ihr Vater tot sei.

Doch irgendwann wollte Bauer Gewissheit und begann die Suche. „Wegen der Sprachschwierigkeiten konnte meine Mutter seinen Namen und Geburtsort nicht richtig wieder geben“, erzählt die 67-Jährige. Der entscheidende Hinweis kam auf Nachfrage des ITS aus dem Archiv des französischen Verteidigungsministeriums in Caen. Sie erfuhr, dass ihr Vater André Balussaud im Jahr 1999 verstorben ist. Mit Hilfe des ITS gelang es Bauer, seine Familie ausfindig zu machen.

Bei der ersten Begegnung mit den Halbgeschwistern tauschten sie Fotos aus und lasen die Aufzeichnungen Balussauds aus der Zeit der Kriegsgefangenschaft. „Da bestand kein Zweifel mehr“, so Bauer. „Es war ein schönes Gefühl, in dem Haus des Vaters zu sitzen und sein Grab besuchen zu können. Die liebevolle Aufnahme durch meine beiden Halbgeschwister, deren Partner, Kinder und Enkel hat mir nach 65 Jahren der Ungewissheit ein neues, mit Wurzeln versehenes Lebensgefühl beschert.“

Vakuum in meinem Leben gefüllt

Sokolovs war neun Jahre alt, als sein Vater 1969 in Argentinien verstarb. Über seine Vergangenheit hatte dieser nie gesprochen. „50 Jahre lang wusste ich nicht, wer meine Verwandten sind und was für ein Leben mein Vater in der Sowjetunion geführt hatte“, berichtet der 51-Jährige. Deshalb machte er sich auf eine über Jahre währende Spurensuche, nicht zuletzt aus Sorge, der Vater sei ein Kollaborateur gewesen. Vom Archiv des russischen Geheimdienstes FSB erhielt er 2009 schließlich den Tipp, sich an den ITS zu wenden.

Auf einem Foto des Vaters stand der Name Michael Nikitenko. Er führte den Suchdienst auf die richtige Fährte. Denn zu diesem Namen gab es eine Suchanfrage des Bruders aus Russland. Dieser hatte auch bestätigt, dass Nikitenko sich inzwischen Georg Sokolovs nannte. 1964 hatte Sokolovs einen Brief hinter den Eisernen Vorhang an seine Familie in Russland schmuggeln können. Der ITS brachte Onkel und Neffen zusammen. „Im April gab es das erste Treffen“, erzählt Sokolovs. „Ich freue mich über das große Glück, das mir widerfahren ist und die Begegnung mit meinen Verwandten. Es hat ein Vakuum in meinem Leben gefüllt.“

Dokumente zum Geschehen während der Kriegszeit sind nicht vorhanden. Es existiert nur die Erzählung der Familie aus Russland, dass Michael Nikitenko deutsch konnte. „Eines Tages standen deutsche Soldaten im Hof der Familie und nahmen meinen Vater mit. Er sollte als Übersetzer für sie arbeiten“, sagt Sokolovs. Sein größtes Anliegen ist, dass keine Kinder mehr ohne Gewissheit aufwachsen müssen, weil der Krieg Familien auseinander riss. „Ich hoffe, dass unsere Kinder und Kinderskinder schlau genug sind, nicht denselben Fehler zu machen.“

Sucharbeit wird fortgesetzt

Durch die nationalsozialistische Verfolgung und Zwangsarbeit sind Millionen Menschen verschleppt und Familien auseinander gerissen worden. Bis heute unterstützt der ITS Betroffene bei der Familienzusammenführung. „Die Suche und Schicksalsklärung wird integraler Bestandteil der Arbeit des ITS bleiben“, sagte anlässlich der Veranstaltung Udo Wagner, Berater für den ITS beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf. „Die Einrichtung leistet damit auch einen Beitrag zur Versöhnung und Verständigung zwischen den einst verfeindeten Völkern.“

„Wen sucht Ihr denn noch?“, sei eine typische, immer wieder gestellte Frage an die Mitarbeiter des ITS, sagte Susanne Siebert, Bereichsleiterin Humanitäre Anfragen. Die Schilderungen von Betroffenen machten jedoch deutlich, wie wertvoll die Suche nach Familienangehörigen auch heute noch ist. „Die Intention ist immer, etwas über das eigene Schicksal, die eigenen Wurzeln zu erfahren. Dieser Wunsch tritt häufig erst in den Vordergrund, wenn das Leben mit zunehmenden Alter in ruhigere Fahrwasser gleitet.“

Im ersten Halbjahr 2011 erhielt der ITS knapp 5.200 Anfragen von Überlebenden der NS-Verfolgung und Familienangehörigen von Opfern. Etwa 6,5 Prozent der Anfragen galten der Suche oder Schicksalsklärung. Vor allem die Menschen aus Osteuropa, die sich bis 1989 nicht an den Suchdienst wenden konnten, fragen heute nach. „Jeder Mensch hat das recht auf das Wissen um seine Herkunft und das Schicksal seiner Familienangehörigen. Wir werden unsere Arbeit fortsetzen, solange es dafür einen Bedarf von Seiten der Betroffenen gibt.