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Auf den Spuren der Todesmärsche

Ende November haben 60 Wissenschaftler aus acht Ländern Ergebnisse der Forschung zum Thema Todesmärsche auf einer zweitägigen Konferenz beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen diskutiert. Im Mittelpunkt der Konferenz „Auf den Spuren der Todesmärsche - Verbrechen, Ermittlung, Erinnerung“ standen die Dokumente im Archiv des ITS zur Rekonstruktion der Märsche und zur Identifikation der Toten, die zwischen 1946 und 1951 entstanden. Seit Oktober 2010 hatten Wissenschaftler diese erstmals systematisch untersucht. „Das vom ITS gestartete Projekt ist enorm wichtig, um unser Wissen abzurunden und diese Phase des Genozids zu verstehen“, sagte Daniel Blatman, Professor an der Hebrew University Jerusalem und Autor des Buches „Die Todesmärsche 1944/45 - Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords“.

„Ich bin stolz, dass so viele herausragende Experten von wichtigen Institutionen nach Bad Arolsen gekommen sind“, äußerte Bürgermeister Jürgen van der Horst zur Begrüßung. „Dies unterstreicht die Bedeutung des ITS.“ Die Sammlung im Archiv der Einrichtung, die unter dem Stichwort „Attempted Identification of unknown dead“ von den Alliierten erstellt wurde, umfasst etwa zwölf laufende Meter. Dazu zählen Auskünfte von Kommunen, Informationen zu Evakuierungstransporten, polizeiliche Ermittlungsberichte, Kartenmaterial und Originalunterlagen aus den letzten Tagen der Konzentrationslager. „Da die Dokumente direkt nach dem Ende des Krieges entstanden, sind sie besonders wertvoll für die Forschung“, erläuterte Blatman bei seinem Eröffnungsvortrag.

Erste wissenschaftliche Konferenz

Die Ermittlungen der Alliierten, der Routenverlauf, die Beteiligung an den Verbrechen sowie die Erinnerung an das Geschehen wurden im Rahmen der Konferenz erörtert. Insgesamt gab es 17 Vorträge und drei Diskussionsrunden. „Dies ist die erste Konferenz, die die Todesmärsche als Hauptthema behandelt“, so Blatman. Für die Überlebenden seien die Märsche die schlimmste Erfahrung gewesen.

Seinen Erkenntnissen zufolge starben etwa 25 bis 30 Prozent der Häftlinge. „Dieser Massenmord geschah in aller Öffentlichkeit und nicht mehr im fernen Osteuropa. Und er brachte neue Täter hervor.“ Die Mörder hätten nicht allein aus den Reihen der SS, Polizei und Wehrmacht gestammt. „Vielmehr beteiligten sich jetzt auch gewöhnliche Bürger an den Morden. Sie betrachteten die KZ-Häftlinge als Bedrohung, als lebenden Beweis der Niederlage. Nie in der Geschichte gab es ohne bürokratische Befehle einen solchen Ausbruch an Gewalt.“ Die Beschäftigung mit dem Thema könne auch ein tieferes Verständnis anderer Genozide des 20. Jahrhunderts ermöglichen.

Die Forschung habe das Thema lange vernachlässigt, meinte Blatman. Das Interesse der jungen Generation an dem lokalen Geschehen habe jedoch neue intensive Recherchen ausgelöst. Eine dieser Forscherin ist Josephine Ulbricht von der Universität Köln. Sie hat im Rahmen des Workshops einen Todesmarsch aus dem Konzentrationslager Flossenbürg genauer betrachtet. „Die Verläufe der Märsche lassen sich anhand des Materials im Archiv des ITS genau nachvollziehen. Es gab sie überall in nahezu jeder kleinen Gemeinde“, erklärte die Historikerin. Die Dokumente seien „ein Schatz, der gehoben werden sollte. Dank der Aufzeichnungen der Alliierten können wir auch den einzelnen Menschen hinter dem Geschehen sehen.“

Für die Gedenkstätte Dachau seien die Aufzeichnungen im Archiv des ITS ein Erfahrungsgewinn, äußerte Albert Knoll, Historiker und Archivar der Gedenkstätte Dachau. „Sie liefern klare Beweise für den Verlauf der Todesmärsche. Dieses Wissen ist auch hilfreich, wenn es um Gedenksteine entlang der Routen geht.“ Bedeutsam sei zudem die Klärung von Einzelschicksalen. „Nicht selten wird eine offene Wunde geschlossen, wenn wir den Familienangehörigen genaue Auskünfte geben können. Für das Totenbuch der Gedenkstätte haben wir wichtige Hinweise gefunden.“

Eindrücklich zeigten die Dokumente die quantitative Dimension der Todesmärsche, sagte Martin Clemens Winter von der Universität Leipzig. „Sie müssen dringend tiefer ausgewertet werden.“ Der Wissenschaftler schreibt derzeit an einer Dissertation über die Beteiligung der deutschen Zivilbevölkerung an den Verbrechen und verglich dafür Aussagen von Bürgermeistern mit polizeilichen Ermittlungen. Beeindruckt zeigte er sich, von dem „enormen Aufwand, der in der Nachkriegszeit zur Aufklärung der Verbrechen betrieben wurde.“

Das Besondere an der Forschung zum Thema Todesmärsche lege darin, dass sie nahezu vollständig auf den Berichten von Zeitzeugen beruhe, erläuterte Marc Mazurovsky vom United States Holocaust Memorial Museum. „Es gibt hier keine Dokumente einer Bürokratie, die klare Handlungsanweisungen erstellte.“ Der Historiker untersucht die Todesmärsche vom Konzentrationslager Auschwitz gemeinsam mit Geografen und plädierte für eine offene Debatte von Forschungsergebnissen, bei der „notfalls auch fest gefahrene Begrifflichkeiten in Frage gestellt werden dürfen. Die Konferenz hat hier zu ersten Denkanstößen geführt.“

Jahrbuch zu Forschungsergebnissen

Einig waren sich die Konferenzteilnehmer darin, dass die Forschungen fortgesetzt und vertieft werden sollten. „Der ITS als Institution könnte die weitergehende Arbeit koordinieren. Dabei sollten wir uns auf einen Teilaspekt konzentrieren“, schlug Blatman vor. Die Konferenz habe gezeigt, dass das Material im Archiv des ITS bisherige Forschungen ergänzen und zugleich ein neues Schlaglicht auf den Umgang der Alliierten mit diesen Verbrechen werfen könne, unterstützte Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung beim ITS, die Idee. „Wir werden die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt der NS-Geschichte fortsetzen und hoffen, dass weitere Wissenschaftler das Thema aufgreifen.“

Erste Ergebnisse der einjährigen wissenschaftlichen Untersuchung der ITS-Dokumente sollen im Jahrbuch „Freilegungen - Auf den Spuren der Todesmärsche“ präsentiert werden. Das etwa 400 Seiten umfassende Werk wird im Juni 2012 beim Wallstein-Verlag erscheinen.