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Auf den Spuren russischer Kriegsgefangener

Vor elf Jahren hat der niederländische Journalist Remco Reiding erstmals den russischen Friedhof in der Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers von Amersfoort betreten. Der Ort lässt ihn seitdem nicht mehr los. Reiding geht der Geschichte der dort Begrabenen nach und sucht nach lebenden Angehörigen. Beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen forschte er Mitte September nach weiteren Hinweisen.

865 Gräber zählt der Friedhof bei Amersfoort. Es handelt sich überwiegend um russische Kriegsgefangenen, die von den Deutschen ermordet wurden oder unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an den Folgen der katastrophalen Haftbedingungen starben. Jahrelang blieb ihr Schicksal ungeklärt, hatten Angehörige keine Nachricht vom Verbleib der Soldaten.

Reiding benötigte zwei Jahre, bis er die Verwandten von zwei der in Amersfoort begrabenen Soldaten fand. „Sie reagierten sehr emotional“, berichtet der Journalist. „Bis dahin hielten sie nur einen offiziellen Brief in Händen, nachdem die Soldaten als vermisst galten. Jetzt hatten sie endlich Gewissheit und einen Ort der Trauer.“ Dank seiner Hartnäckigkeit und vieler Reisen ist es dem Niederländer bis heute gelungen, 139 Familien der ermordeten und verstorbenen Soldaten aufzuspüren.

Im Archiv des ITS wollte der Forscher jetzt weitere Details klären. „Ich möchte so viel wie möglich erfahren über die Hintergründe der Kriegsgefangenschaft und die Einzelschicksale der Soldaten. Vielleicht können die Informationen bei der Suche nach weiteren Angehörigen helfen“, so Reiding. Die erste Gruppe russischer Kriegsgefangener war von den Nationalsozialisten im September 1941 ins Konzentrationslager Amersfoort verschleppt worden. „Wenig ist über sie bekannt“, sagt der Journalist. „Sie waren überwiegend aus Zentralasien. Die Deutschen wollten sie den Holländern offensichtlich als ‚Untermenschen’ vorführen, um ihre Rassentheorie zu verbreiten.“ 24 Sowjetsoldaten starben bald an den Folgen der KZ-Haft, die übrigen 77 wurden von den Nationalsozialisten am 9. April 1942 erschossen. „Unterlagen darüber, wer den Befehl zu ihrer Erschießung erteilte, habe ich bislang in keinem Archiv finden können ebenso wenig wie eine Transportliste.“

Die weiteren 691 Kriegsgefangenen auf dem russischen Ehrenfeld von Amersfoort waren nach dem Kriegsende ursprünglich im Soldatenfriedhof Margraten begraben, später aber umgebettet worden. „Zu der zweiten Gruppe gibt es im Archiv des ITS deutlich mehr Material“, erzählt Reiding. „Ich habe Sterbeurkunden und genaue Geburtsdaten gefunden. Zudem kann ich nachvollziehen, wo sie als Kriegsgefangene inhaftiert waren, welche Stationen sie durchliefen oder in welchen Krankenhäusern sie 1945 an den Folgen der Haft und der Zwangsarbeit verstarben.“

Die Ergebnisse seiner Recherchen fließen in die Website www.russisch-ereveld.nl ein und sollen Ende 2010 auch zu einer Buchveröffentlichung führen. Jahrelang hat Reiding nebenbei und auf eigene Kosten geforscht. Jetzt fand er Unterstützung durch die Provinz Utrecht sowie die Gemeinden Amersfoort und Leusden. Natürlich steht auch die Gedenkstätte Amersfoort mit Rat und Informationen hinter dem Projekt. Dadurch gewinnt der Journalist deutlich mehr Zeit für die aufwendige Spurensuche. Sein Wohnsitz ist zurzeit noch Moskau. „Doch wer weiß, vielleicht kehren wir bald in die Niederlande zurück.“