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„Auf einigen Fotos sind wir Buben drauf.“

Auch Leo und Henk van’t Hul haben gestern bei der Effektenübergabe in der Gedenkstätte Amersfoort ein Erinnerungsstück an ihren Vater zurückerhalten. Seit 2004 recherchieren sie nach dem Schicksal ihres Vaters Gerardus. „Unsere Mutter hat wenig über die Verhaftung und seinen Tod gesprochen“, erzählt Leo. „Erst als ein Neffe wegen des Familienstammbaums anrief, erfuhren wir von der Ermordung unseres Vaters im KZ-Außenlager Wöbbelin.“ Der Anruf gab den Brüdern den Anstoß, in die Vergangenheit zu blicken.

Als Gerardus van’t Hul verhaftet wurde, waren Leo und Henk acht und zehn Jahre alt. „Die Gestapo kam am 29. Dezember 1944 in unsere Wohnung und nahm ihn mit“, erinnert sich Henk. „Er musste in ein Auto steigen. Es war das letzte, was wir von ihm sahen. Seine Hände waren auf dem Rücken gebunden und neben ihm saß ein Soldat, der ein Gewehr auf ihn richtete. Wir konnten ihm nur noch winken.“

Gerardus hatte vor dem Krieg als Unteroffizier bei der Königlichen Niederländisch-Indischen Armee gedient. Mit seiner Familie reiste der Niederländer 1940 in seine Heimatstadt Zutphen, um dort die Ferien zu verbringen. Während des Aufenthalts besetzten die Nazis die Niederlande. „Wir konnten nicht zurück nach Indonesien und unser Vater suchte sich hier eine neue Arbeitsstelle“, berichten die Brüder. Dass der Vater selten zu Hause war und auch nachts oft nicht heim kam, war für die Kinder nicht ungewöhnlich. „Das gehörte sich so. Wir dachten nicht weiter darüber nach.“

„Die nächste Nachricht war ein Umschlag, der irgendwann 1945 zu uns nach Hause gebracht wurde“, erzählt Leo. „Dieser enthielt die Armbanduhr, den Ring und einige malaysische Münzen meines Vaters. Für meine Mutter war dies die Bestätigung, dass Vater nicht mehr am Leben ist.“ Die beiden Brüder erfuhren Bruchstücke von den Aktivitäten ihres Vaters im niederländischen Widerstand. Leo und Henk hörten, dass ihr Vater während des Krieges an Waffentransporten und Sabotageakten teilgenommen hatte. Deshalb war er nachts nicht da gewesen.

Laut den Dokumenten im Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen starb Gerardus am 17. März 1945 – seinem Geburtstag – an den Folgen von Diphtherie in Wöbbelin. Das Außenlager gehörte zum Konzentrationslager Neuengamme und diente als Auffanglager nach der Auflösung anderer Lager. Es existierte gerade einmal zehn Wochen – vom 12. Februar 1945 bis zum 2. Mai 1945.

Überrascht waren die Brüder, als sie vor kurzem einen Anruf von Gert van Dompseler erhielten. Dank der Initiative von van Dompseler und seinem Kollegen Pieter Dekker von der Stiftung October’44 können Portemonnaies, die den Besitzern bei der Deportation ins KZ Neuengamme von den Nationalsozialisten abgenommen worden waren, an ihre Angehörigen zurückgegeben werden. Auch die Brieftasche von Gerardus van’t Hul befand sich unter den restlichen 3400 Effektenumschlägen, die beim ITS aufbewahrt werden.

Voller Spannung öffneten die beiden Brüder gestern das Portemonnaie und studierten die Fotos und Papiere. „Es ist ein besonderer Tag für uns. Ich bin sehr glücklich, weitere Puzzleteile über das Schicksal unseres Vaters zu erhalten“, sagt Henk. „Auf einigen Fotos sind wir Buben drauf.“