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Aufgewachsen zwischen den Welten

Gila Lustiger, Esther Alexander-Ihme, Pava Raibstein und Nathan Jagoda sind Kinder von Holocaust-Überlebenden.

Gila Lustiger, Esther Alexander-Ihme, Pava Raibstein und Nathan Jagoda sind Kinder von Holocaust-Überlebenden. Auch verbindet sie, dass mindestens ein Elternteil nach der Befreiung im Nachkriegsdeutschland als „Displaced Person“ lebte. Auf Einladung des International Tracing Service (ITS) und der Bildungsstätte Anne Frank trafen sich die Vier am 22. Januar 2015 zu einer Gesprächsrunde. Die Diskussion war zugleich die Abschlussveranstaltung zu der Ausstellung des ITS über Displaced Persons „Wohin sollten wir nach der Befreiung?“ in der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main. Im Dialog mit derem Leiter Dr. Meron Mendel ging es um Traumata, die Bedeutung des Judentums für die persönliche Entwicklung und die Suche nach Identitäten in der zweiten und auch dritten Generation.

Belastete Kindheiten und traumatisierte Eltern

Viele der Erzählungen und Sätze werden den rund 50 Besuchern in Erinnerung bleiben, vor allem, wenn die Kindheit so zerrissen war wie bei Esther Alexander-Ihme. Sie hatte den Eindruck, die Familie, in der über das Leid des Vaters geschwiegen wurde, lebte in einer Blase. „Es war tot bei uns Zuhause“, so beschrieb sie die prägende Erfahrung ihrer Jugend in der jüdischen DP-Siedlung Waldschmidtstraße. „Ich hatte immer das Gefühl, als fehle mir ein Geländer, an dem ich mich hätte festhalten können.“ Leben fand bei ihren Besuchen in Bayern, in der Familie ihrer nichtjüdischen Mutter statt.

„Unfassbar, dass heute in Europa Juden sterben müssen.“

„Ich bin mit zwei Kulturen aufgewachsen und zwei Geschichten. Die eine wurde erzählt, die andere nicht.“ Gesprochen wurde in der Familie von Gila Lustiger über das Leben ihrer Mutter in Israel. Von der Verfolgung und dem Leidensweg des Vaters Arno Lustiger hat sie dagegen nur aus seinen Büchern erfahren. „Mir fehlte der Mut, ihn danach zu fragen.“ Die Autorin schilderte ihren Vater als weltoffenen, politisch und kulturell hoch interessierten Mann, der „mit aller Ambivalenz zu einem deutschen Staatsbürger wurde“. Das Ankommen in einer Gesellschaft und Kultur fiel Gila Lustiger nicht leicht. Als junge Frau ging sie nach Israel: „Ich wollte weg, um ich selbst sein zu dürfen, nicht jüdische Repräsentantin in Deutschland.“ Dort merkte sie, wie deutsch sie sich fühlte; seit 1987 ist Frankreich ihre Heimat. Mit Blick auf den wachsenden Antisemitismus in Europa rückt für sie die Frage der Zugehörigkeit wieder in den Fokus: „Wenn ein Jude in Europa stirbt, bin ich mehr denn je Jüdin.“

„Mein Vater war getrieben, vom Holocaust zu berichten.“

Sprachlosigkeit angesichts des Holocausts gab es in der Familie von Pava Raibstein nicht: „Mein Vater war besessen davon Zeitzeuge zu sein.“ Dass sie den Namen seiner jüngeren, in Treblinka ermordeten Schwester trägt, war ihr frühester Kontakt mit den NS-Verbrechen. Wichtig für ihre Entwicklung und ihr Leben in Deutschland war die starke israelische und jüdische Identität – von Geburt war sie israelische Staatsbürgerin. Für Pava Raibstein ist es die Generation ihrer Kinder, die wirklich „angekommen“ ist: „Diese jungen Menschen sind bewusste und stolze Juden, mit jüdischen und nicht jüdischen Freunden. Sie haben nicht den geringsten Zweifel daran, hier zu leben.“ Ihr Vater hatte sie nicht in Angst erzogen, doch fand sie nach seinem Tod eine Geldkassette mit Schweizer Franken und Dollar. „Wohl für  den Fall der Fälle.“

„Wir lebten in Deutschland auf gepackte Koffern.“

Nathan Jagoda sagt von sich, dass er „in gewissem Sinne die doppelte Portion abbekommen habe“. Beide Elternteile waren Holocaust-Überlebende. Sein Vater durchlitt verschiedene KZs und erlebte die Befreiung auf einem der Todesmärsche. Die Mutter floh 1943 mit ihrer Familie Richtung Russland und wurde in ein Lager nach Sibirien verschleppt. Sie lernten sich in einem DP-Camp in Bayern kennen und blieben in Regensburg – bewusst lebten sie als Staatenlose und vermittelten den beiden Söhnen immer, dass der Aufenthalt in Deutschland nur eine Übergangslösung sei. „Die Shoah war latent immer präsent.“ Identität gab die jüdische Tradition. Für Nathan Jagoda, der einige Jahre in England auf eine jüdische Schule ging und dann in Deutschland studierte, war es ein längerer Selbsterziehungsprozess, seinen eigenen Weg anzuerkennen. „Ich führte mir vor Augen, dass ich in Deutschland leben werde und Jude bin, also das, was hier eigentlich ausgerottet werden sollte. Das gab mir irgendwann Stolz: Ich bin deutscher Jude und gehöre zur ersten Nachkriegsgeneration hier im Land.“ Mitunter gestärkt durch dieses Selbstverständnis nahm Nathan Jagoda später die deutsche Staatsangehörigkeit an.

Dr. Meron Mendel hatte bei seinen einleitenden Worten von einem Leben zwischen zwei Welten gesprochen. Abschließend stellte er fest, dass es offenbar viel mehr Welten gewesen seien. „Ich hätte nicht gedacht, wie vielfältig die eingeschlagenen Lebenswege waren.“

„Man war Euch sehr nahe, egal wo man saß.“, fasste Dr. Susanne Urban vom ITS den Abend mit wenig Worten treffend zusammen.