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Aufklärung und Erinnerung als Aufgabe

Jean-Luc Schwab hat im Rahmen seiner Recherchereise zum Schicksal homosexueller Deportierter aus Frankreich auch einen Stopp beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen eingelegt. Er nahm Einblick in die Unterlagen verschiedener Opfer und informierte sich über den Dokumentenbestand. „Es ist gut, dass das Archiv uns als eine wichtige Quelle zur Verfügung steht“, sagte der Franzose.

Schwab ist Delegierter des Elsaß vom Verein "Les Oublié(e)s de la Mémoire" (grob übersetzt: der "vom Gedenken Vergessenen" der Association Civile Homosexuelle du Devoir de Mémoire), der die Erinnerung an die Verfolgung von Schwulen durch die Nationalsozialisten in Frankreich aufrecht erhält. „Lange Zeit ein Tabuthema“, so Schwab. Sein Hauptinteresse gilt der besseren Kenntnis sowie der breiten Anerkennung der Deportation von Homosexuellen aufgrund des Paragraphen 175 des Reichsstrafgesetzbuches.

"Dies setzt voraus, mehr über die Betroffenen zu erfahren", sagte Schwab. So zum Beispiel über Pierre Seel, einem Überlebenden der NS-Verfolgung aus dem Elsaß. Dieser musste als Häftling an der Errichtung des KZ Natzweiler-Struthof mitwirken und mit ansehen, wie die SS seinen 18-jährigen Freund von Schäferhunden zerfleischen ließ. Lange Zeit konnte er nicht sprechen über das Erlebte. Erst 1982 outete sich der Elsässer als Homosexueller und Opfer der NS-Verfolgung. Bis 1994 musste er in Frankreich um Anerkennung und Entschädigung kämpfen.

Seel machte damit den Weg frei für andere Homosexuelle, die seitdem in Frankreich neben den politischen KZ-Häftlingen und Widerstandskämpfern ebenfalls als Verfolgte gelten und an Gedenkfeiern gleichberechtigt teilnehmen können. „Mentalitäten brauchen Zeit, um sich zu ändern“, erläuterte Schwab. Sein Verein arbeitet derzeit daran, die Genehmigung für eine Seel und anderen Opfern gewidmete Gedenktafel in Mulhouse zu bekommen. 

Zudem schreibt Schwab an einer Biografie über Rudolf Brazda, ebenfalls ein NS-Opfer, mit dem er gemeinsam den ITS besuchte. Das Thema der Deportation Homosexueller will Schwab weiter in die Öffentlichkeit tragen und die Erinnerung an diese Gruppe der Verfolgten wach halten. „Es ist noch viel Aufklärung notwendig“, ist sich der Elsässer sicher.