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Australierin besucht in Arolsen Stätten ihrer Kindheit

„Ich hatte eine gute Zeit in Arolsen“ erinnert sich die Australierin Ksenia Bettany. Als Displaced Person (DP) lebte sie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern in Bad Arolsen und Rennertehausen im Kreis Waldeck Frankenberg. Mit ihrem Sohn Romill hat sich Ksenia nun vier Tage auf die Spuren ihrer Kindheit begeben. Höhepunkt ihrer Reise war gestern der Besuch beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen.

„Ich wusste nicht, dass es so viele Dokumente über mich und meine Familie gibt“, freut sich die Australierin. Denn viel weiß die 70-Jährige aus ihrer Kindheit nicht mehr. Einzelne Informationen und Bilder hat sie noch vor Augen, wie etwa vom Arolser Schloss, der Kaserne oder der Kirche. „Meine Eltern haben über diese Zeit jedoch kaum gesprochen“, berichtet sie. „Einige Ortsnamen kommen mir zwar bekannt vor – aber ich war ja noch ein Kind.“ Romill dagegen hat oft mit seinem Großvater geredet. „Ich kenne große Teile der Familiengeschichte“, erzählt er. „Nun diese Orte mit meiner Mutter besuchen zu können ist fantastisch und etwas Besonderes für mich.“

DP-Karten, Meldekarteien und Arbeitskarten sind im Archiv des ITS zu finden. Sogar die Geburtsurkunde ihres Bruders Alexe, der 1946 in Frankenberg geboren wurde, taucht auf. Ksenia zeigt sich überrascht und kämpft ein wenig mit den Tränen. „Erinnerungen an Arolsen kommen bei mir hoch“, sagt sie. „Wir wohnten im zweiten Kasernengebäude oben. Die Mauern, die heute noch zu sehen sind, kamen mir als Kind unheimlich hoch vor. Heute haben sie in meinen Augen eine normale Größe.“ Weiter erinnert sie sich, dass sie als Kinder im Innenhof der Kaserne gespielt haben. Damit sie nicht weglaufen konnten, wurde der Spielbereich eingezäunt. „Doch wir haben ein Loch gefunden und sind auf die Felder von Arolsen gelaufen“, schmunzelt sie. Ihr Vater arbeitete gleich nebenan beim Vorgänger des ITS, der International Refugee Organization (IRO).

Ksenia wurde am 28. Februar 1941 in Frankreich geboren. Ihre Eltern waren, nachdem die Kommunisten im Herbst 1917 in Russland die Macht übernommen hatten, hierhin geflüchtet. Nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg wurden sie verschleppt. Sie wurden als Laborarbeiter bei der BASF/IG Farbenindustrie in Ludwigshafen zur Arbeit eingesetzt. Die Kinder kamen nach Heidelberg in ein Kinderheim. „Ich war schwer krank“, erinnert sich Ksenia. „Doch obwohl mein Bruder Rostislav neben wir lag, steckte er sich nicht an.“

Direkt nach dem Ende des Krieges war die Familie in Rennertehausen auf einem Hof untergebracht. Während dieser Zeit ist auch Ksenias Bruder Alexe im Entbindungsheim Frankenberg geboren. Auf ihrer jetzigen Reise besuchten sie den 1600 Einwohner großen Ort. „Es ist kaum zu glauben, aber ich traf eine 93-Jährige Dame, die sich an mich und meine Familie erinnern konnte“, freut sich Ksenia. „Sie war unsere damalige Nachbarin. Das Haus in dem sie heute noch lebt, erkannte ich sofort.“

Am 17. Juni 1949 emigrierte die Familie dann von Italien an Bord des Schiffes „Nelly“ nach Australien. „Es sind so viele Stationen in der Zeit von 1942 bis 1949 gewesen. Die bekomme ich gar nicht alle hintereinander“, sagt die Australierin. „Die Dokumente vom ITS werden mir helfen, das Puzzle zusammen zu setzen.“ Ihren Brüdern will sie Kopien von den Unterlagen machen und gemeinsam mit ihnen über die Zeit in Arolsen und Rennertehausen sprechen. „Es wird eine große Party mit vielen Taschentüchern“, so Ksenia.