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„Bedeutung der Geografie wächst.“

Mit dem Thema "Geografie und Holocaustforschung" haben sich Ende Mai 18 Forscher aus sieben Ländern auf einem dreitägigen Workshop beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen befasst. Sie betrachteten einzelne Orte der Verfolgung, die Entwicklung der Ghettos und Lager sowie umfangreiches Kartenmaterial zum Thema. Anhand von Landkarten, Straßenverzeichnissen und Modellen können die Wissenschaftler alte jüdische Gemeinden wieder entstehen lassen, Ghettos darstellen und Lager in allen Details nachzeichnen. Geografische Karten lassen sich zudem mit Biografien, Augenzeugenberichten und Fotos verknüpfen.

Ruth Levitt von der Wiener Library in London präsentierte eine Karte von den Novemberpogromen 1938 in Deutschland, die aufgrund von Zeugenaussagen Betroffener entstand. „Wir werden etwa 350 Augenzeugenberichte demnächst online stellen“, kündigte die Forscherin an. Anne Kelly Knowles vom Middlebury  College in den USA zeigte eine Karte der Lager mit einer zeitlichen Abfolge, die den starken Anstieg der Anzahl an Lagern ab 1942 deutlich werden ließ. „Viele Lager, die erst kurz vor Kriegsende entstanden, blieben allerdings im Stadium einer Baustelle stecken", so Knowles. „Die männlichen Häftlinge wurden vor allem beim Bau von militärischen Anlagen eingesetzt, während die Frauen in den Waffen- und Munitionsfabriken arbeiteten.“

Harrie Teunissen vom Jüdischen Studienzentrum in Leiden, Niederlande, stellte Landkarten der Nationalsozialisten über die Verteilung der Bevölkerung in den besetzten Ländern vor. Diese dienten der Vorbereitung der geplanten Ausdehnung des "germanischen Lebensraumes" und der Vertreibung und Ermordung von Juden sowie Sinti und Roma. Anhand eines Stadtplans von Warschau demonstrierte der Forscher die Ghettoisierung der Juden, die Vertreibung der Polen aus einzelnen Stadtteilen sowie die Germanisierung von Vierteln durch neue Bewohner aus dem Deutschen Reich. „Die Besatzungstruppen beschlagnahmten vor Ort Karten und Material von Volkszählungen“, berichtete Teunissen.

Der Forscher überraschte zudem mit einem Atlas und Handbuch für die jüdische Auswanderung von 1938. Es war ein Ratgeber mit Kartenmaterial und Visabestimmungen einzelner Länder, der die Planung einer Ausreise erleichtern sollte. Nur wenige Monate später sollte diese wegen eines Ausreiseverbots für Juden unmöglich werden.

Joanna Sliwa von der Clark University in den USA demonstrierte die Vertreibung und Ghettoisierung der Juden aus Krakow mit Hilfe von Stadtplänen. „Die jüdischen Einwohner wurden abseits des Zentrums, fernab von neugierigen Blicken und unter strikter Kontrolle zusammen gepfercht. Es handelte sich um eine Industriezone, in der sie als Zwangsarbeiter eingesetzt, aber auch mit Hilfe der vorhandenen Bahnlinie direkt in die Vernichtungslager deportiert werden konnten.“

Pavel Ilyin vom USHMM in Washington veranschaulichte die politische Bedeutung von Landkarten. „Sie spiegeln die unterschiedliche Sichtweise der Staaten wider.“ So war das Elsass auf deutschen Karten Teil des Deutschen Reichs, auf französischen gehörte es noch zu Frankreich. Österreich wurde zur “Ostmark“ und zum “Alpen- und Donaureichsgau“. „Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges kamen die Produzenten der Landkarten nicht mehr hinterher angesichts der vielen Grenzverschiebungen“, sagte Ilyin. „Für die jüdische Bevölkerung entschieden Grenzverläufe dabei nicht selten über Leben und Tod.“

Alexander Avram, Leiter des Workshops und Direktor der Hall of Names in Yad Vashem, wies bei seinem Vortrag auf die Vielzahl der Orte hin, die es in Datenbanken und bei geografischen Darstellungen zu berücksichtigen gelte. „Geburtsorte, Wohnorte, Ghettos, Lager, Camps für Überlebende, Orte der Emigration, sie alle spielen eine Rolle.“ Zudem gebe es häufig verschiedene Schreibweisen und Bezeichnungen für ein und denselben Ort. Hinzu kämen inoffizielle Bezeichnungen, wie etwa “Goldene Medine“ aus dem Jiddischen für die USA und später auch Kanada.

„Die Bedeutung der Geografie wächst in der Holocaustforschung, auch wenn wir noch im Stadium der Entdeckung sind“, äußerte Alexander Korb von der Universität Leicester. Einig waren sich die Teilnehmer des Workshops, dass ein Überblick über die vielen Forschungsergebnisse der Geografen und vorhandenes Kartenmaterial hilfreich wäre. Hierzu schlugen sie ein gemeinsames Projekt vor. Zudem sprachen sie sich für länderübergreifende Standards aus. Genau dies sind auch die Ziele des von der Europäischen Union ins Leben gerufenen EHRI-Portals. EHRI steht für "European Holocaust Research Infrastructure" und sieht den Aufbau eines Archiv- und Forschungsportals im Internet für September 2014 vor. Es soll einen besseren Überblick und Zugang zu dem weltweit verstreuten Dokumentenmaterial zum Thema Holocaust bieten.