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Beginn einer Spurensuche

Dr. Susanne Urban, Leiterin der Forschung und Bildung im ITS, mit der Autorin Gila Lustiger.

Recherchen für einen Roman zu Überlebenden, die sich im jüdischen DP-Camp Frankfurt Zeilsheim nach 1945 zusammenfanden, führten die Autorin Gila Lustiger im Oktober nach Bad Arolsen. Die Spurensuche beim International Tracing Service (ITS) ist eng mit ihrer eigenen Familiengeschichte verknüpft, vor allem mit dem Lebensweg ihres Vaters Arno Lustiger, der 2012 starb. Der Historiker und Publizist hatte sechs Konzentrationslager und zwei Todesmärsche überlebt. Bekannt wurde er in späteren Jahren u.a. mit seinen Büchern über den jüdischen Widerstand. Zusammen mit seiner Mutter und drei Schwestern lebte er von 1945 bis 1948 zunächst im Zeilsheimer DP-Camp und dann als DP auch außerhalb des Camps, in Frankfurt. Sein Vater und der jüngere Bruder wurden in Konzentrationslagern ermordet. Aufgrund der schlechten gesundheitlichen Verfassung der Mutter und einer Schwester scheiterte der Versuch, nach Amerika zu emigrieren.

„Es ist etwas ganz anderes, die Zeitdokumente zu sehen oder nur zu wissen“. Für die in Paris lebende Gila Lustiger, die sich bereits in ihrem erfolgreichen Roman „So sind wir“ mit ihrer Familiengeschichte beschäftigt hat, war dieser erste Besuch beim ITS sehr bewegend. Die Dokumente, die der Familie bislang nicht vorlagen, zeigen die nationalsozialistische Verfolgung durch die akribische Erfassung von Transporten, dem Ankommen und Verlassen der KZs. „Man hat nur diese Dokumente, das ist eigentlich nicht viel. Aber ich bin erschlagen von dem Quantum Leid, denn zwischen den Zeilen kann man lesen.“ Gila Lustiger wurde in den DP-Akten auch mit einem Foto ihrer Großmutter konfrontiert, die sie nie kennengelernt hat. Aber auch die Fotos der Tanten und des Vaters sind als Zeugnisse aus der unmittelbaren Zeit nach der Befreiung für sie von großer Bedeutung.

In dem geplanten Roman möchte Gila Lustiger die Geschichte der Menschen in dem DP-Camp rekonstruieren und vor dem Vergessen bewahren. Noch gibt es auch Zeitzeugen, die sie befragen kann. Von Dr. Susanne Urban, Leiterin der Forschung und Bildung im ITS, erfuhr sie, welche NS-Dokumente im Archiv zu finden sind und welche Materialien über Displaced Persons. Sie führten intensive Gespräche über die Schicksale von Familien, auch in zweiter und dritter Generation nach der Verfolgung. Es war ein Tag, der viel mehr war als eine Recherche und den Gila Lustiger noch auf sich wirken lassen muss: „Ich komme wieder, dann weiß ich, wonach ich suche.“ Susanne Urban resümierte: „Der Besuch zeigt auch: die Schatten der Geschichte reichen weit und die Last tragen auch die nachfolgenden Generationen. Die Verheerungen sind von Dauer.“