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Besuch der US-Amerikanerin Professor Suzanne Ostrand-Rosenberg beim ITS

Professor Rebecca Boehling, Direktorin ITS, zeigt Professor Suzanne Ostrand-Rosenberg die Dokumente zum Schicksal ihrer Familie.

Gleich zwei Verbindungen gibt es im Leben von Professor Suzanne Ostrand-Rosenberg zu Bad Arolsen. Ihr Onkel Kurt kam 1955 für zwei Jahre in die nordhessische Kleinstadt, um beim International Tracing Service (ITS) Dokumente für die israelische Gedenkstätte Yad Vashem zu verfilmen. Und die Direktorin des ITS, Professor Rebecca Boehling, und Mitautorin Uta Larkey haben 2011 in dem Buch „Life and Loss in the Shadow of the Holocaust“ die Geschichte ihrer Familie erzählt. Anlass genug für die US-Amerikanerin aus Baltimore für einen Besuch.

Einer Gruppe von Mitarbeitern des ITS berichtete die 65-Jährige vom Verlust ihrer Großmutter, ihrer Großtante sowie weiterer Angehörige durch den Holocaust. Die Geschwister Selma und Henriette Kaufmann, Großmutter und Großtante von Ostrand-Rosenberg, hatten vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Essen gewohnt und ein Einzelhandelsgeschäft für Textil- und Kurzwaren besessen. Es zählte zu einem der ältesten jüdischen Geschäfte vor Ort. Durch den von den Nazis verhängten Boykott jüdischer Geschäfte, Warenhäuser, Banken und Arztpraxen im April 1933 wurde es schwer getroffen.

Selmas Töchter, Charlotte und Marianne, schafften es rechtzeitig Nazideutschland in Richtung Palästina und Amerika zu verlassen. Ihr Sohn Kurt wurde als „Aktionsjude“ während der Novemberpogrome 1938 am 9./10. November 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Die Nationalsozialisten hatten mit der so genannten „Reichskristallnacht“ im gesamten Land Druck auf Juden ausgeübt, um ihre Auswanderung zu beschleunigen und ihre Vermögenswerte „arisieren“ zu können. 26.000 männliche Juden wurden während dieser beiden Tage inhaftiert. Auch wenn der weit überwiegende Teil der Inhaftierten bis zum Jahresanfang 1939 wieder entlassen wurde, blieben sie von dieser Erfahrung gezeichnet. Kurt kam Ende 1938 frei und emigrierte Anfang 1939 mit seiner Frau Hanna nach Palästina.

Die Kaufmann-Geschwister Selma und Henriette – mittlerweile 70 und 66 Jahre alt – mussten 1941 nach Köln in ein so genanntes „Judenhaus“ ziehen. Über das Sammellager in Köln-Müngersdorf wurden sie wenige Monate später ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. Alle Mühen der drei Kinder aus dem Ausland, die Mutter und die Tante in Sicherheit zu bringen, scheiterten.

„Der Kontakt zwischen den drei Kindern war sehr intensiv“, erzählte ITS-Besucherin Ostrand-Rosenberg, die einzige Tochter von Marianne. Ihre Mutter habe selten mit ihr über den Holocaust gesprochen. Doch im Nachlass hätten sich unzählige Briefe befunden, die ihre Mutter von den Geschwistern erhielt. „Sie tauschten sich ständig darüber aus, was in Nazideutschland passierte und wie sie der Mutter und der Tante aus der Ferne helfen konnten. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten sie unermüdlich das Schicksal ihrer Lieben zu klären.“

Kurt hat von Juni 1955 bis November 1957 ein Team geleitet, das 20 Millionen Seiten an Dokumenten für das Archiv in Yad Vashem mikroverfilmt hat. Während dieser Zeit stellte er im Archiv des ITS auch Nachforschungen zum Verbleib seiner Mutter und seiner Tante an. Er fand die Bestätigung seiner Information, dass seine Mutter am 16. Juni 1942 und seine Tante am 26. Juli 1942 nach Theresienstadt „evakuiert“ worden waren.

Im Rahmen ihres Besuchs in Bad Arolsen suchte Ostrand-Rosenberg gemeinsam mit Boehling das Haus in der Großen Allee 36 auf, in dem ihr Onkel Kurt und seine Frau Hanna zwei Jahre gelebt hatten. „Ich erinnere mich nur schwach an seine Erzählungen aus Arolsen“, äußerte sie. „Nach seiner Mission in Deutschland besuchte er uns in Amerika. Seine Gesundheit war seit seiner Inhaftierung in keinem guten Zustand. Mit knapp über 60 Jahren starb er.“

Es sei typisch für viele Familien, die vom Holocaust betroffen waren, dass kaum über diese Zeit gesprochen wurde, erzählt Ostrand-Rosenberg. „Fragen bleiben unbeantwortet – nur bruchstückhaft erfahren wir von der Vergangenheit.“ Nachdem das Buch über die Familiengeschichte im Frühjahr 2011 veröffentlicht wurde, trafen sich die nachfolgenden Generationen von Selma und Henriette zum ersten Mal zusammen in Essen wieder. Auch zwei Stolpersteine wurden vor dem damaligen Geschäftshaus verlegt. „Es war unbeschreiblich emotional meine Cousinen und deren Kinder zu sehen“, erinnert sich die 65-Jährige.