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Brief an den Direktor der IRO

Waclaw Rubinstein hatte den Holocaust überlebt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wünschte er sich nichts sehnlicher als eine neue Heimat. Dabei setzte der polnische Jude auf die Hilfe der International Refugee Organization und erhielt den Status eines DP (Displaced Person). Doch es sollte bis Februar 1951 dauern, bis Rubinstein in Norwegen Aufnahme fand. Um seine Ausreise ein wenig zu beschleunigen, hatte er dem damaligen Direktor der IRO, Donald Kingsley, eine 16-seitige Collage überreicht – unser Fundstück aus dem Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS).

In das Heft an den Direktor der IRO fügte Rubinstein aufwendig Fotos, Briefe, Zertifikate, Auswanderungsziele und Zitate zu einer Collage zusammen. Rubinstein beschrieb seine Lage als DP und äußerte zugleich auf ironische Weise Verständnis für die Überforderung der Flüchtlingsorganisation. „Wir wissen, dass Sie ein vielbeschäftigter Mann sind, dass Tausende und Abertausende DPs auf ihre Entscheidung warten“, schrieb Rubinstein damals. „Dennoch hoffe ich, dass Sie sich meinen Fall anhören werden. Ich bin ein Zahnarzt aus Warschau, der über fünf Jahre für die UNRRA und die IRO gearbeitet hat.“

Unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht war Rubinstein von den Deutschen aus Warschau verschleppt worden. Er kam ins Ghetto von Wilna und ins Konzentrationslager. Im Ghetto hatte er 1942 seine Frau Stanislawa geheiratet. Beide überlebten. Gegenüber der IRO gab Rubinstein nach dem Kriegsende an, dass es ihm egal sei, in welchem Land er Aufnahme finden würde, solange es „einen Job für mich gibt“.

Zunächst strebte Rubinstein eine Ausreise nach Australien, dann nach Kanada und in die USA an. Doch er wurde immer wieder abgewiesen. Offenbar gab es hier keinen Bedarf an ausgebildeten Zahnärzten. Schließlich kam Schweden ins Gespräch. „Seine Bereitschaft, im Gegensatz zu den meisten DPs auch in ein europäisches Land zu emigrieren, verdient besondere Erwähnung“, hieß es in einem Schreiben der IRO. Am Ende sollte es dann das Nachbarland Norwegen werden. Rubinstein reiste zusammen mit seiner Frau Stanislawa am 26. Februar 1951 vom DP Camp Bagnoli in Italien ab. In Lübeck, im Land der Täter, musste er eine Zwischenstation einlegen.

Der Vize-Direktor der IRO antwortete auf Rubinsteins Collage mit einem formellen Schreiben und wies zugleich seinen Wunsch nach einem Startgeld im Gegenzug für fünf Jahre Arbeit als Zahnarzt im DP Camp ab. „Einem Flüchtling werden Unterkunft, Nahrung, Kleidung und Schutz gewährt. (...) Die Organisation hat ihren Teil geleistet, indem sie Ihnen ermöglichte, Ihren Beruf auszuüben und sich in einem neuen Land niederzulassen. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Frau viel Erfolg in Ihrem neuen Leben.“