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„Das Archiv ist wie eine wertvolle Schatulle“

Die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit dem Internationalen Suchdienst (ITS/International Tracing Service) aber auch das Schicksal ihres Vaters führten Pava Raibstein, Geschäftsführerin der Kinder- und Jugend-Aliyah in Frankfurt, Anfang der Woche nach Bad Arolsen. „Grundsätzlich kenne ich den Lebensweg meines Vaters“, erzählt Raibstein. „Doch die Details aus den Dokumenten des ITS-Archivs waren für mich nochmal sehr interessant.“

Raibsteins Vater Jakob Horowicz kam als Kind gemeinsam mit seiner Familie ins Ghetto Piotrkow. Seine Mutter und Schwester wurden in Treblinka vergast. Er selbst überlebte Ghettos, Arbeits- und Konzentrationslager und wurde in Theresienstadt befreit. Bevor er mit Hilfe der Kinder- und Jugend-Aliyah nach Israel einwanderte, war er in einem Kinderheim in Hamburg-Blankenese untergebracht. „Nach zehn Jahren kam mein Vater nach Deutschland zurück und berichtete fortan als engagierter Zeitzeuge über sein Schicksal,“ erzählt seine Tochter.

Im Archiv des ITS werden zahlreiche Dokumente zu Jakob Horowicz aufbewahrt. Darunter unter anderem ein Häftlingspersonalbogen, eine Effektenkarte und eine Krankenunterlage. „Auf einigen Karten musste er mit seiner Unterschrift die Angaben bestätigen“, erzählt Raibstein. „Da es verschiedene Schreibweisen des Vor- und des Nachnamens gibt und er seinen Namen in Israel anpasste, weiß ich jetzt durch die Unterschrift auf dem Dokument, wie er selbst, und zwar in einer Situation, in der er nur noch eine Nummer sein sollte, seinen ihm von seinen Eltern gegebenen Vornamen schrieb.“

Aber auch aus dem Blickwinkel der pädagogischen Arbeit hat die Frankfurterin den ITS besucht. „Die Kinder- und Jugend-Aliyah hilft seit 80 Jahren überall dort, wo jüdische Kinder gesetzlich oder sozial diskriminiert werden“, erklärt Raibstein. Die am 30. Januar 1933 in Berlin gegründete Organisation war bemüht, jüdische Kinder vor der zunehmenden Bedrohung des nationalsozialistischen Regimes zu retten. Nach dem Holocaust gaben sie überlebenden Jugendlichen in Israel ein zu hause.

Heute ermöglicht die Kinder- und Jugend-Aliyah in Frankfurt Heranwachsenden in Israel einen einwöchigen Aufenthalt in Deutschland. In Projektarbeiten befassen sie sich während dieser Zeit auch mit der Vergangenheit. „Der ITS mit einer Bandbreite an Unterlagen zu unterschiedlichen Opfergruppen eignet sich hervorragend für diese Gruppen“, so die Geschäftsführerin. „Es geht hier nicht um vergilbte Dokumente, sondern um konkrete Lebenswege. Das Archiv ist für die Recherche nach Biografien wie eine wertvolle Schatulle.“

Eine Zusammenarbeit könnte sich Raibstein auch vorstellen bei einem Projekt, das mit dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt in Planung ist. „Eine Gruppe von zwölf Jugendlichen wird sich mit dem Thema ‚Wertvorstellung – Was ist Liebe, Sehnsucht oder Heimat‘ und der Frage ‚Woran hält man sich fest‘ beschäftigen“, berichtet sie. Im Hinterkopf hat die Frankfurterin dafür die Auseinandersetzung mit den persönlichen Gegenständen, die Häftlingen bei ihrer Einlieferung ins Konzentrationslager abgenommen wurden. Rund 3400 dieser Effekten bewahrt der ITS in seinem Archiv auf. Brieftaschen, Ausweispapiere, Fotos, Briefe, Eheringe, Uhren oder Füllfederhalter befinden sich darunter. „Daran können wir heute erkennen, was wichtig für Menschen ist, woran wir uns festhalten.“