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Den „neuen ITS“ kennen gelernt

Aron Hirt-Manheimer von der Union of Reform Judaism und Mitglied der Delegation von jüdischen Organisationen aus den USA, die in der vergangenen Woche den Internationalen Suchdienst (ITS) besuchte, verband mit seinem Aufenthalt in Bad Arolsen auch ein persönliches Interesse. Im Archiv des ITS studierte der US-Amerikaner ausführlich die Dokumente zu seiner Familie. „Sie füllen die Lücken in meinem Wissen“, sagte Hirt-Manheimer.

Der US-Amerikaner selbst kam 1948 in einem DP Camp in Feldafing zur Welt als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender. Von den Transporten in die Konzentrationslager über die Befreiung bis hin zur Emigration in die USA lässt sich anhand der Dokumente im Archiv des ITS das Schicksal seiner Familie nahezu lückenlos nachvollziehen. „Über die vielen Informationen bin ich überrascht“, sagte Hirt-Manheimer.

Ein besonders bewegender Moment war für den amerikanischen Juden der Blick auf ein ihm bis dato unbekanntes Foto seines Vaters auf einer Registrierungskarte als Displaced Person (DP). „Es ist in einem guten Zustand“, freute sich Hirt-Manheimer. Zusätzlich fand er heraus, dass drei Wochen vergingen zwischen dem Abtransport seines Vaters aus dem KZ Auschwitz und dessen Ankunft im KZ Mauthausen. In der Zwischenzeit war Wolf Manheimer, der bei einem Fluchtversuch angeschossen worden war, in einem Krankenhaus. Als die Ärzte die Tätowierung der Häftlingsnummer auf dem Arm ihres Patienten sahen, benachrichtigten sie die SS.

Nach dem Krieg musste Arons Vater weitere drei Jahre im Krankenhaus verbringen, um sich von den Folgen der Schussverletzung und der KZ-Haft zu erholen. „Das erklärt die lange Wartezeit bis zur Auswanderung nach Amerika im Jahr 1951“, so Hirt-Manheimer. Seine Eltern, die sich 1939 verlobt und nach der Deportation aus den Augen verloren hatten, fanden sich mit Hilfe von Rot-Kreuz-Suchdienstlisten wieder. Ein Bruder sah den Namen von Wolf Manheimer auf einer Liste von Überlebenden in Paris und überbrachte die gute Nachricht ins DP Camp nach Feldafing. Hier hielt sich Arons Mutter auf, die die Konzentrationslager von Groß Rosen und Flossenbürg überlebt hatte. „Ich bin eine zerstörte Persönlichkeit“, sagte Manheimer beim Wiedersehen. Seine Frau wollte ihn dennoch heiraten und die Ehe hielt bis zum Tod ihres Mannes im Jahr 1984.

„Mein Vater behielt die Auschwitz-Nummer auf seinem Arm und sprach immer offen über sein Schicksal“, berichtete Hirt-Manheimer. „Sein Erleben hat mich geprägt in meiner Persönlichkeit und mir zugleich Mut verliehen, immer wieder neu zu starten.“ Die Dokumente des ITS fügten die Informationen wie Puzzlestücke zu einem klaren Bild zusammen. „Der ITS ist eine erstaunliche Ressource für die Geschichte vieler Familien“, ist sich Hirt-Manheimer sicher.

Noch sei der ITS weit davon entfernt, ein geeignetes Archiv für die Forschung zu sein. Bislang bildete die Zentrale Namenkartei den Schlüssel zu den Dokumenten. „Es wird enorme Ressourcen kosten, die Dokumente des Suchdienstes so zu organisieren, dass sie für eine effiziente Forschung zugänglich sind. Aber der ITS wird ein wichtiger Ort der Forschung sein.“

Allmählich wandle sich die Funktion der Einrichtung von einem Suchdienst zu einem Archiv für die Dokumentation, die Bildungsarbeit und die Forschung über die NS-Verbrechen, sagte Hirt-Manheimer. „Der ITS ist kein reines Holocaust-Archiv, sondern ein Archiv über die gesamten Verbrechen des Nazi-Regimes in Europa.“ Zwar sei die Dokumentation in Teilen lückenhaft, dennoch biete das Archiv eine Fülle an Material und eine große Themenbreite.

Vor allem bei der Bildungsarbeit könne der ITS ein wichtiger Faktor sein. „Die engagierten Stimmen der Überlebenden werden bald nicht mehr zu hören sein. Daher kommt Einrichtungen wie dem ITS eine wichtige Rolle bei der Aufklärung über den Holocaust zu.“ Es ginge darum, die Erinnerung wach zu halten. „Es sollte nicht nur eine Aufgabe der Juden sein, den Holocaust immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, sondern eine Aufgabe der Menschheit. Andernfalls öffnen wir den Leugnern und neuen Völkermorden die Tür“, warnte der Vertreter der Union of Reform Judaism.

„Wir kamen, um den neuen ITS kennen zu lernen. Es war ein faszinierender Besuch in jeder Hinsicht“, so das Fazit von Hirt-Manheimer. „Wir sind alle beeindruckt davon, wie offen sich die Einrichtung gibt und wie zugänglich die Dokumente sind. Der ITS ist eine Schatztruhe der Geschichte.“