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Deportation der Sinti und Roma aus Baden-Württemberg im Blickpunkt

Die Deportationen von Sinti und Roma aus Baden-Württemberg ins Konzentrationslager Auschwitz sind das Thema von Stephan Janker vom Bischöflichen Ordinariat Rottenburg am Neckar. Er verbrachte eine Woche im Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS). „Mich interessiert dabei weniger die Frage nach dem Wohin als dem Woher. Ich möchte den Opfern Namen und Identität zurückgeben“, so Janker.

Der Historiker und Archivar will anhand der Dokumente im Archiv die genaue Anzahl der Transporte, ihren Verlauf und die Herkunft jedes einzelnen Menschen klären. „Ich bin sozusagen mit der Entschlüsselung von Transportlisten beschäftigt“, erläutert Janker. „Unsere Vorstellung ist in der Regel geprägt von Massentransporten, doch dies ist nicht immer richtig. Zunächst gab es viele vereinzelte Transporte aus den verschiedenen Regionen.“ Das Material zur Verfolgung der Sinti und Roma sei im Vergleich zur Verfolgung der deutschen Juden kaum aufbereitet. Es gebe auch nur wenig Zeitzeugenbefragungen.

Hilfreich für seine Recherchen sind im Archiv des ITS vor allem die Sterbeurkunden aus dem KZ Auschwitz, die den letzten Wohnort des Opfers aufweisen. Daneben dient als Quelle das durch einen Insassen in Teilen gerettete Lagerbuch des „Zigeunerlagers“ von Auschwitz. Für die Rekonstruktion der Transporte sind wiederum die Gefangenenbücher der deutschen Gefängnisse von Interesse. „Ein echter Durchbruch für meine Recherchen“, freut sich Janker. „Anhand der Bücher kann ich nachvollziehen, an welchen Tagen die Transporte zusammengestellt wurden, welche Zwischenstationen eingelegt wurden und aus welchen Regionen die Sinti und Roma kamen.“

Eine Möglichkeit der Recherche fehlt beim Schicksal der Sinti und Roma dagegen. Ende 1945/ Anfang 1946 wurden sämtlichen Gemeinden in den damaligen vier Besatzungszonen angewiesen, Angaben zum Aufenthalt und Verbleib von Ausländern und deutschen Juden zu machen. Diese Listen, die in Bad Arolsen lagern, sind heute ein wichtiger Bestandteil bei der Rekonstruktion der Lebensläufe von verschleppten Juden und Zwangsarbeitern. „An die Sinti und Roma hat damals niemand gedacht“, bemerkt der Historiker zutreffend.

Ausgangspunkt von Jankers Beschäftigung mit dem Thema war ursprünglich das Schicksal der Kinder aus einem Heim in Mulfingen. Von 1938 bis 1944 wurden alle Sinti- und Roma-Kinder aus Baden und Württemberg in die St. Josefspflege eingewiesen. 39 Kinder wurden 1944 nach Auschwitz deportiert. Nur vier überlebten. Anschließend inspirierte den Historiker die 2006 eröffnete Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Stuttgarter Nordbahnhof zu weiteren Nachforschungen. Die Gedenkstätte hatte ursprünglich nur die jüdischen Deportierten aufgeführt. Dank der Zusammenarbeit mit der Stolperstein-Aktion und anderen Initiativen sind inzwischen auch die Namen der Stuttgarter Sinti und Roma zusammengetragen worden.

Nun erweitert Janker das Blickfeld auf ganz Baden-Württemberg. Kontakt nahm er zum Landesverband der Sinti und Roma und dem Dokumentationszentrum in Heidelberg auf. Über anderthalb Jahre durchforstete er das Staatsarchiv von Baden-Württemberg. Nach dem Besuch beim ITS will er jetzt in Nürnberg weitermachen, einem der zentralen Sammelpunkte für Transporte von Süddeutschland nach Auschwitz. „Ich habe die nächsten Reisen für meinen Recherchen schon klar vor Augen“, so Janker.