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„Die Deutschen hatten mir alles genommen.“

Im Rahmen der Gedenkveranstaltungen in Vöhl an die mehr als 500 deportierten Juden aus dem Regierungsbezirk Kassel nach Sobibor und Majdanek hat Holocaust-Überlebender Jules Schelvis über seine Erlebnisse gesprochen. Der 91-Jährige hatte mehrere Konzentrationslager, darunter die Vernichtungslager Sobibor und Auschwitz, überlebt. Er musste erfahren, wie seine geliebte Frau in der Gaskammer von Sobibor ermordet wurde. „Ich bin seit Langem bereit zu vergeben, aber vergessen, das kann ich nicht“, so Schelvis.

„Als Sohn jüdischer Eltern wurde ich am 7. Januar 1921 geboren“, beginnt Schelvis seine Erzählungen. Nach der Schulausbildung begann er eine Lehre als Drucker. Gemeinsam lebte er mit seiner Familie nach zwei Umzügen in der Retiefstraat im Osten von Amsterdam, einem Viertel, in dem sich in einigen Straßen jüdische Familien niedergelassen hatten. Im Dezember 1941 heiratete er seine Frau Rachel. Seit Oktober 1941 war sie als aus Polen Zugewanderte von der Abschiebung bedroht. „Zu dieser Zeit hatte sich die Lage für die jüdische Bevölkerung drastisch geändert“, berichtet der Niederländer. „Unsere Namen hatten die Behörden bereits registriert. Innerhalb weniger Monate wussten die Deutschen genau, wie viele Juden in den Niederlanden wohnten, wie alt sie waren, welchen Beruf sie hatten und wie viele Ausländer und Staatenlose es gab.“

Am 26. Mai 1943 fuhr die deutsche Polizei durch die Straßen von Amsterdam, um die Juden abzuholen. „Sie werden nach Deutschland gebracht, um dort unter Polizeiaufsicht zu arbeiten. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Rucksack bereit steht, wenn Sie abgeholt werden. Ich versichere Ihnen, dass Ihnen nichts passieren wird“, erinnert sich der Überlebende an den Befehl. Gemeinsam mit vielen Tausend anderen Juden trieben die Polizisten Schelvis, seine Frau und deren Familie zur vorgesehenen Sammelstelle. „Nachdem wir dort stundenlang voller Angst gestanden hatten, kamen gegen Nachmittag eine Reihe von Straßenbahnen an, die uns zum Bahnhof transportierten.“ Später am Abend kam der Transport im Polizeilichen Durchgangslager Westerbork an.

Sechs Tage war Schelvis mit seiner Familie in den Baracken von Westerbork gefangen. „Hinter jedem Tag hing die Drohung ‚auf Transport‘ geschickt zu werden“, berichtet der 91-Jährige. „Am 1. Juni 1943 wurden 3.006 Menschen gen Osten deportiert. Darunter meine Familie und ich. Das wichtigste für uns war, dass wir zusammenbleiben konnten. Jeder von uns konnte dem anderen eine Stütze sein.“ Nach der 72-stündigen Zugfahrt unter erbärmlichsten hygienischen Zuständen in einem Viehwaggon kam der Transport in Sobibor an.

Dort wurden Schelvis und seine Frau, wie auch alle anderen, vom Jiddisch sprechenden Entladekommando aus den Waggons getrieben. Auf dem Weg zum Lager konnte er seine Frau noch dazu motivieren, für alle Fälle ihre Uhr zu vergraben, die ihr bei erster Gelegenheit wohl abgenommen würde. „Wie aufgescheuchte Tiere wurden wir durch weit offen stehende Türen in eine Baracke getrieben, wo uns während des schnellen Durchlaufens befohlen wurde, alles, was wir bei uns hatten, auf den Boden zu werfen“, erzählt Schelvis. „Das Abgeben unserer Besitztümer hatte mich dermaßen überrumpelt, dass ich nicht bemerkt hatte, dass ein SS-Mann uns Männer geradeaus gehen ließ und die Frauen auf eine andere Seite geschickt hatte.“ Er hatte seine Frau ohne einen Kuss oder ein Abschiedswort verloren.

Während dieser Stunden hatte Schelvis noch keine Ahnung, welches Glück er hatte, als er den Mut fasste, einen SS-Mann zu bitten, in ein Arbeitskommando aufgenommen zu werden. Mit 80 anderen Männern wurde er zurück zur Rampe geführt, von dort aus ging der Zug in das Lager Dorohucza. „Der Scharführer hatte uns noch gesagt, dass wir jeden Abend nach Sobibor zurück kommen würden, um mit unseren Familien und Freunden essen und entspannen zu können“, so der 91-Jährige.

Nach zwei Jahren in verschiedenen Lagern, darunter Sobibor, Dorohucza, Lublin, Radom, Tomaszów und Auschwitz, wurde Schelvis am 8. April 1945 im KZ Vaihingen/Enz, ein Außenlager vom Konzentrationsalger Natzweiler/Struthof, durch französische Truppen befreit. Zurück in Amsterdam musste er feststellen, dass all die Menschen, die er geliebt hatte, nicht mehr existierten. „Die Deutschen hatten mir alles genommen, nur meine Gedanken konnten sie mir nicht nehmen. Darüber sprechen und schreiben bewahrt vor dem Vergessen.“