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Die Familie des Vaters

Véronique Dubois hat ihren Vater Walter Stern selten gesehen. Von seiner Vergangenheit und seiner Familie wusste sie fast nichts. Über eine Anfrage beim International Tracing Service (ITS) erhielt sie 2011 zahlreiche Informationen über ihre Verwandten väterlicherseits. Viele waren als jüdische Deutsche verschleppt und ermordet worden. Jetzt schreibt sie ein Buch über ihre Familiengeschichte.

Am 12. Juli 2016 hat Véronique Dubois den ITS in Bad Arolsen besucht, um die Originaldokumente und die ITS-Mitarbeiterin zu sehen, die ihr mit ihren Recherchen weitergeholfen hat: „Ich wollte unbedingt hierher kommen, um mich persönlich zu bedanken“, sagte Dubois. „Die Recherchen waren so wichtig für mich. Ich weiß jetzt, was mit der Familie meines Vaters geschehen ist. Die Mitarbeiterin zu treffen, die meine Fragen beantworten konnte, bedeutet mir viel.“ Bei ihrem Besuch sah sie sich auch die Zentrale Namenkartei (ZNK) an – den Schlüssel zum Archiv des ITS. „Dieses Denkmal für die vielen teils unbekannten Schicksale ist sehr berührend“, so die Erzieherin aus Paris. In der ZNK liegen rund 50 Millionen Hinweiskarten zu etwa 17, 5 Millionen Menschen – darunter auch Karten mit den Namen einiger ihrer Angehörigen.

Kindheit in Frankreich

Dubois‘ Mutter war eine evangelische Französin aus Paris, ihr Vater deutscher Jude aus Stuttgart, geboren im November 1900, der im Jahr 1936 nach England emigrierte. Die Eltern lernten sich im Sommer 1959 im Urlaub in Italien kennen. Im Frühjahr 1960 kamen Véronique und ihre Zwillingsschwester Martine zur Welt. Da hatte ihr Vater bereits eine Familie in London, bei der er lebte. Die Zwillinge verbrachten ihre Kindheit in einer Pflegefamilie der öffentlichen Fürsorge. Ihre alleinstehende, berufstätige Mutter besuchte sie dort jeden Samstag. In den Sommerferien waren die Töchter bei ihr. Einmal im Jahr reiste der Vater Walter an, um die Mädchen für einen Nachmittag zu sehen – stets in Begleitung der dreisprachigen Mutter, die für ihn übersetzte.

Der Vater starb, als die Zwillinge 17 waren. Die Schwestern hatten keine Gelegenheit mehr, ihm Fragen über seine Familie zu stellen. Von der Mutter erfuhr Véronique nur, dass er aus Süddeutschland stammte. Auch äußerte die Mutter die Vermutung, dass er jüdisch war – über seine Familie oder den Grund der Emigration hatte der Vater jedoch auch mit ihr nie gesprochen.

Spurensuche für das Buchprojekt

Als junge Erwachsene reiste Véronique nach London, um mehr über ihre Familie zu erfahren. Dort versuchte sie, einen älteren Halbbruder zu treffen, der allerdings den Kontakt verweigerte. Nach einigen Jahren unternahm sie einen weiteren Anlauf auf der Suche nach der Familiengeschichte und fragte 2009 und 2010 beim ITS an. Hier erhielt sie unter anderem Auskunft über ihren Onkel und ihren Cousin, die von den Nationalsozialisten nach Auschwitz und Izbica verschleppt wurden und dort starben. Zudem erfuhr sie, dass ihre Großtante 1940 als Psychiatriepatientin im Rahmen der sogenannten T4-Aktion in Grafeneck  ermordet wurde.

Ihr Buch schreibt Véronique Dubois mit Unterstützung von Fabienne Amson, Leiterin, sowie von Elena Adam und Gladys Patron, Mitarbeiterinnen der Schreibwerkstatt der Vereinigung „Écoute, Mémoire, Histoire“ (EMH) des französischen Kinderhilfswerks (Oeuvre de secours aux enfants). Sie erzählt darin sowohl von ihrer Kindheit in Frankreich, als auch von der langen Suche und der Familie ihres Vaters. Mit ihrer Publikation möchte sie an ihre Verwandten erinnern und die Geschichte der Familie für zukünftige Generationen festhalten.