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„Die Informationen haben ein Fenster geöffnet“

Gemeinsam mit seiner Familie besuchte Michael Dimor für eine Woche Heimatstätten seiner jüdischen Familie in Deutschland. Wichtig war dem Israeli auch ein Halt beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen. Hier hat er Unterlagen aus dem Konzentrationslager Buchenwald, Karten aus dem Durchgangslager Westerbork, Meldelisten aus dem Landkreis Kassel und Waldeck-Frankenberg sowie die Sterbeurkunde seines Großvaters eingesehen. „Es ist unglaublich, die Originaldokumente zu lesen“, so Dimor.

Dimor selbst ist 1937 in Israel geboren und aufgewachsen. Seine Eltern Else und Max waren direkt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Israel ausgewandert. „Meine geschiedenen Großeltern Helene und Moritz blieben in Deutschland zurück“, weiß er. „Da meine Mutter wenig über den Holocaust und ihre Familie sprach, blieb mir von meinem Großvater lediglich der Name und ein Foto“, erzählt der 74-Jährige.

Moritz Mildenberg war 1880 im waldeckischem Vöhl geboren. Nach der Scheidung von seiner Frau Helene zog er in das benachbarte Sachsenhausen. Als das NS-Regime 1938 die Novemberpogrome organisierten, wurden Moritz sowie über 26.000 weitere Juden in Konzentrationslagern inhaftiert. Nach der vierwöchigen Haft im KZ Buchenwald kehrte Moritz zurück und arbeitete zunächst in Kassel bei der „Aktiengesellschaft für pharmazeutische Bedarfsartikel“.

Als die systematische Judenverfolgung begann versteckte ihn die Familie Grebe in Sachsenhausen. Das bescherte ihm das große Glück als einziger Jude in Nordwaldeck nicht deportiert zu werden. „Dies war möglich, da die Dorfgemeinschaft in Sachsenhausen zusammen hielt“, weiß der Enkel heute. Von Zeitzeugen in Sachsenhausen und Vöhl erfuhr Dimor Bruchstücke aus dem Leben seines Großvaters. „Er soll ein lustiger Mann gewesen sein“, hat Karl-Heinz Stadtler, Ortsvorsteher in Vöhl, herausfinden können. „Auf Feiern hat er für Unterhaltung gesorgt.“

Tragischer weise erlebte Moritz das Kriegsende nicht mehr. Am 5. Januar 1945 starb er in Sachsenhausen an einem Herzinfarkt. Das erhalten gebliebene Grab besuchte Dimor während seines Besuchs in Deutschland auf dem Vöhler Friedhof. „Die Informationen haben ein Fenster geöffnet. Jetzt habe ich das Gefühl, meinen Großvater etwas zu kennen“, sagt er.

Seine Großmutter Helene ging nach der Scheidung mit ihren Töchtern nach Dortmund. Als die Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten zunahmen, flohen sie in die Niederlande. „Für ein Jahr kam meine Großmutter nach Israel. Doch sie ging zurück“, weiß Dimor. Auch in den Niederlanden holten die Verfolger sie ein. „Nach der Inhaftierung im Durchgangslager Westerbork wurde meine Großmutter und weitere Familienmitglieder nach Auschwitz deportiert“, berichtet der Israeli. „Dies bestätigen mir nun auch die Unterlagen beim ITS.“