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„Die Zeit heilt nicht alle Wunden.“

Natan Kellermann, Projektleiter und klinischer Psychologe bei Amcha, hat am 1. Dezember beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen einen Vortrag zu den psychologischen Auswirkungen des Holocaust gehalten. Amcha bietet als nationales israelisches Zentrum Holocaust-Überlebenden und ihren Nachkommen psychosoziale Unterstützung an. „Wichtig für die Opfer ist, dass die Welt ihr Schicksal wahrnimmt, dass ihre Gegenwart jede Leugnung ad absurdum führt“, sagte Kellermann.

Der Psychologe arbeitet seit über zehn Jahren für das Zentrum Amcha, das 1987 als Selbsthilfegruppe gegründet wurde. In seinem jüngst veröffentlichten Buch „Holocaust Trauma. Psychological Effects and Treatment“ beschreibt Kellermann, was der Holocaust bei den Opfern und den nachfolgenden Generationen psychologisch ausgelöst hat. Er geht auch darauf ein, welche Folgen der millionenfache Mord am europäischen Judentum für das Selbstverständnis von Israelis und Deutschen hat.

In Israel gibt es heute über 200.000 Überlebende des Holocaust. Sie sind in der Regel über 80 Jahre alt. Zurzeit erlebt die Selbsthilfeorganisation Amcha den größten Ansturm in ihrer 22-jährigen Geschichte. „Die Erinnerungen kommen vor allem im Alter mit ihrer ganzen Brutalität zurück, wenn die berufliche Karriere abgeschlossen ist und die Kinder versorgt sind“, berichtet Kellermann. „Dann haben die Überlebenden ein inneres Bedürfnis, das Thema anzugehen.“ Jeder habe eine Geschichte zu erzählen. Und Amcha hilft sie zu erzählen - möglichst oft, damit sie ihren Schrecken verliert.

Unmittelbar nach dem Kriegsende ging es für die Überlebenden zunächst darum, ihre Familie zu suchen. Die erste Anlaufstelle war hier der Suchdienst. Doch oft fanden sie niemanden, und es folgte das Schuldgefühl. „’Warum lebe ich noch immer’, ist eine Frage, die sich als Leitmotiv durch das ganze Leben der einstigen Verfolgten zieht“, so Kellermann.

Für viele Jahre herrschte anschließend Stille. Die Eltern erzählten nicht, und die Generation der Kinder wagte nicht zu fragen. „Wir nennen dieses Phänomen die Verschwörung des Schweigens“, so Kellermann. Auf der zweiten Generation lag daher ein Schatten. Sie wuchs in einer Atmosphäre von Schweigen, Trauer und Ängsten auf. „Die Kinder sind die Erben des Schmerzes“, sagt Kellermann. Obwohl sie den Holocaust nicht selbst durchlitten haben, wird er in Alpträumen wie eigenes Erleben verarbeitet.

In Israel galten die Überlebenden zunächst als Feiglinge, die sich nicht gewehrt hatten. Die Israelis wollten wie die übrige Welt in die Zukunft blicken und ihr Land aufbauen. Für den Blick zurück blieb kein Raum. Die Überlebenden stürzten sich daher in die Arbeit. „Sie brauchten ein Ziel für ihr Leben: Israel und eigene Enkelkinder“, berichtet Kellermann.

Einen ersten Durchbruch bewirkte der Eichmann-Prozess Anfang der 60er. Damit rückte das Thema in den Vordergrund. „Seitdem hat sich in Israel ein Wandel in der Einstellung vollzogen“, erzählt Kellermann. „Jetzt finden die Überlebenden Anerkennung dafür, dass sie nach dem Krieg die Kraft fanden, weiter zu machen und das Land aufzubauen.“ Und mit der dritten Generation, die sich stark mit dem Schicksal der Großeltern identifizierte, war dann auch das Gespräch möglich.

Damit sei auch das Bewusstsein für die Bedürfnisse der Überlebenden gestiegen, erinnert sich Kellermann. Die meisten Opfer hätten ihr Trauma inzwischen überwunden. Sie verspürten Zufriedenheit darüber, was sie aus dem teuren Leben gemacht haben, das sie fast verloren hatten. Bis zu 25 Prozent der Betroffenen litten jedoch bis heute unter psychischen Problemen. „Die Zeit heilt nicht alle Wunden“, mahnt Kellermann. „Das Trauma bleibt. Ich vergleiche es mit radioaktivem Fallout, den niemand sieht oder spürt, aber er ist da. Und wenn wir es zulassen, greift er uns an.“

Amcha will den Überlebenden durch gegenseitige Hilfe, bewusste Verarbeitung und Schmerzbewältigung zur Seite stehen. Gleichzeitig bietet die Einrichtung den einstigen Opfern ein Umfeld, in dem sie sich verstanden fühlen. „Die Menschen sind nicht krank. Sie wurden traumatisiert“, sagt Kellermann. „Sie sind normale Menschen, die etwas zutiefst Anormales erlebt haben. Sie brauchen keine Diagnose, sondern Stütze.“

Manchmal genügen Assoziationen wie Seife, Stiefel, Gas, die Musik von Wagner oder die deutsche Sprache, um das Trauma wieder aufleben zu lassen. Kellermann berichtet von einem Überlebenden, der immer wieder die Kinder sieht, die in Auschwitz bei lebendigem Leib ins Feuer geworfen wurden. „Die Bilder kommen einfach hoch. Eine posttraumatische Belastungsstörung.“ Amcha versucht die Menschen in dieser Situation aufzufangen, damit die Gefühle sie nicht überwältigen. „Es geht um mehr als ein Arzt-Patient-Verhältnis“, betont Kellermann. „Natürlich bezahlt dafür auch der Therapeut einen hohen Preis.“

Typische Symptome bei den Opfern sind Trauer, Depression, Ängste, Einsamkeit und psychosomatische Beschwerden. Um diesen zu entgehen, verschanzen sich die Überlebenden hinter ständiger Beschäftigung und der Vermeidung eines jeden Anzeichens von Schwäche. „Holocaust-Überlebende sind starke Menschen mit einer Mischung aus Widerstandkraft und Verletzbarkeit. Sie haben uns viel zu geben. Etwa das Streben danach, eine bessere Welt zu bauen vor dem Hintergrund der grausamen Erinnerung.“ Manchmal helfen den Überlebenden auch Abschiedsrituale, wie ein Besuch der alten Heimat und der Gedenkstätte, das Entzünden von Jahrzeit-Kerzen oder das Niederschreiben der eigenen Geschichte. „Aber vor allem müssen sie reden“, betont Kellermann.

Neben seinem Vortrag über die Arbeit von Amcha nutzte Kellermann auch die Gelegenheit, die Originaldokumente zum Schicksal seiner eigenen Familie im Archiv des ITS anzusehen. Kellermann selbst kam in Schweden als Sohn einer ungarischen Jüdin zur Welt, die Auschwitz überlebt hatte. Und der Israeli wollte sich vor Ort ein Bild machen, wie der ITS inzwischen arbeitet. „Ich musste einfach persönlich hierher kommen, nachdem ich schon so viel über Bad Arolsen gehört hatte“, sagte Kellermann.