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Dissertation über die baugeschichtliche Entwicklung von Neuengamme

Nachforschungen für seine Dissertation haben Andreas Ehresmann, Leiter der Gedenkstätte Sandbostel, Mitte September zum Internationalen Suchdienst (ITS) geführt. Thema ist die baugeschichtliche Entwicklung des Konzentrationslagers Neuengamme, an der der Historiker seit drei Jahren arbeitet. „Es liegt bislang nichts dergleichen vor“, so Ehresmann. „Das KZ-Bauwesen rückte erst Mitte der 90er Jahre in den Fokus der Forschung.“

Mehrere Archive hat der Historiker bereits für seine wissenschaftliche Arbeit durchforstet, darunter das Zentralarchiv in Moskau, das Bundesarchiv und die Archive der Gedenkstätten, allen voran Neuengamme. Lage und Zweck der einzelnen Baracken, ihr Entstehungszeitraum und ihre Ausstattung, der Ausbau des Lagers und mögliche Grundmuster im Vergleich zu anderen Lagern – diesen Fragestellungen geht er nach. „Die Gebäude sind unschätzbare Quellen zur Rekonstruktion des Lagerlebens“, so Ehresmann. Im Archiv des ITS ist der Historiker auf weitere Puzzleteile gestoßen, darunter etwa ein Schriftstück aus der Zentralbauleitung der Waffen-SS. „Ich muss viele Aspekte rekonstruieren, da Baupläne teilweise zerstört wurden.“

Das KZ Neuengamme errichtete das SS-Unternehmen „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH" Ende 1938 in einer stillgelegten Ziegelei in Hamburg-Neuengamme, zunächst als ein Außenlager des KZ Sachsenhausen, ab Frühsommer 1940 als eigenständiges KZ. Das Gelände in einer Gesamtgröße von 50 Hektar in den Hamburger Vierlanden eignete sich für den Abbau von Ton. Bis 1943 wurde das Lager samt Baracken, Wachtürmen und Umzäunung kontinuierlich ausgebaut. „Danach wurde es nach innen verdichtet. Zwei Steinbaracken mit je vier Blocks ersetzten Holzbaracken“, schildert Ehresmann. „Das KZ Neuengamme sollte vor allem den wirtschaftlichen Aspekt der Steinproduktion erfüllen, wobei seine letztendliche Größe immer offen blieb.“

Mehr als 100.000 Häftlinge aus ganz Europa, darunter vor allem Polen und Russen, waren im Hauptlager und den 86 Außenlagern inhaftiert, mindestens 42.900 Menschen starben. Inhaftierungsgründe waren vor allem Widerstand gegen die deutsche Besatzung und die Bestrafung von Zwangsarbeitern. Die Häftlinge mussten an der Errichtung und dem Ausbau des Lagers mitwirken. „Auch die zeichnerische Umsetzung der Baupläne erledigten Häftlinge“, berichtet Ehresmann. Daneben arbeiteten sie bei der Verbreiterung der Dove-Elbe, beim Bau des Stichkanals mit Hafenbecken, bei der Errichtung des neuen Groß-Klinkerwerkes und in den Tongruben. Für Mitte 2012 hat der Historiker den Abschluss seiner Dissertation an der Universität Hamburg eingeplant.