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„Dokumente lassen sich nicht leugnen.“

Frank Dobia hatte den Instinkt für den Moment. Immer wieder entkam er während des Holocaust dem sicheren Tod. Der Australier ist der einzige Überlebende einer jüdischen Familie aus Pommern. Gestern sah er beim Internationalen Suchdienst (ITS) die Originaldokumente zu seiner Haft im Konzentrationslager Buchenwald und die Unterlagen zum Schicksal seiner Familie ein. „Ich hatte schon viel gehört von Bad Arolsen“, so Dobia. "Jetzt wollte ich mir persönlich ein Bild machen."

Der Buchenwald-Überlebende hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Ihm ist das Wissen um die Vernichtung des europäischen Judentums durch die Nationalsozialisten ein persönliches Anliegen. „Ich könnte stundenlang erzählen“, sagt Dobia. „Ich möchte, dass die Überlebenden erfahren, was mit ihren Familien passiert ist.“ Und er wünscht sich, dass sich die Deutschen „mit den Taten ihrer Vorväter“ auseinandersetzen.

Die Verfolgung der Juden in seinem Heimatort Dobrzyn (Dobrin) begann bereits kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 11. September 1939. Vier Tage später wurden die ersten 270 Juden verschleppt und erschossen, darunter sein älterer Bruder Kalman. Im November ereilt seine Großeltern dasselbe Schicksal. Die restliche Familie wird noch 1939 ins Ghetto Plock und 1941 ins Ghetto Chielmnik deportiert. Dobia gelingt es, bei einem Bauern der Umgebung unterzukommen und dort auf dem Hof zu arbeiten. „Das war gefährlich, weil wir das Ghetto nicht verlassen durften. Es hatte jedoch keinen Zaun“, berichtet Dobia.

Als das Ghetto geräumt wird, versucht der Jugendliche noch zu seiner Familie durchzukommen. Doch die Polizei hat einen Ring geschlossen und lässt niemanden hinein oder hinaus. Seine Eltern und seine beiden Geschwister werden ins Vernichtungslager Treblinka transportiert. Frank, der damals noch Icek hieß und 15 Jahre alt war, ist von diesem Tag an auf sich selbst gestellt. Seine Familie existierte nicht mehr.

Immer wieder gelingt es Dobia, dem Tod zu entrinnen. Bei der Räumung des Ghettos von Stopnica etwa, versteckt er sich in einem Verschlag und flieht in den polnischen Teil des Ortes. Hier gibt er sich als Landarbeiter aus. „Ich konnte polnisch wie die Bauern sprechen und fließend deutsch. Das half“, sagt Dobia. Er meldet sich für kriegswichtige Arbeitseinsätze und taucht rechtzeitig unter, wenn Razzien anstehen. Zuletzt muss der Jugendliche Panzersperren ausheben, bevor er am 24. Dezember 1944 ins Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert wird.

„Hier bekam ich Typhus und habe nicht mehr viel mitbekommen“, räumt Dobia ein. Er wird in den Block 66 verlegt, in dem viele jüdische Kinder und Jugendliche aus ganz Osteuropa untergebracht sind. Der kommunistische Widerstand innerhalb des Lagers versucht, die Jugendlichen zu retten, nicht zuletzt durch zusätzliche Essensrationen. Kurz vor dem Heranrücken der amerikanischen Armee soll Dobia noch auf einen Todesmarsch gehen, doch er kann sich erneut verstecken.

Selbst der US Armee entzieht sich der Überlebenskünstler direkt nach der Befreiung. Die KZ-Häftlinge sollen wegen der Seuchengefahr das Lager nicht verlassen. Dobia gibt vor, er müsse mit einem Freund zusammen Müll entsorgen und geht direkt an den Soldaten vorbei. „Ich habe mich die kommenden Wochen durchgeschlagen. Die meisten Deutschen waren mir gegenüber eher ängstlich“, berichtet Dobia. Nach mehreren Stationen findet er ein vorübergehendes Zuhause in einem Lager für Displaced Persons bei München.

Am 31. Dezember 1948 landet Dobia in seiner neuen Heimat Australien. Ein entfernter Cousin der Familie, der bereits vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ausgewandert war und in einer jüdischen Zeitung über ihn liest, besorgt ihm die Einwanderungspapiere. „Er hatte in der australischen Armee gedient und deshalb gab es keine Probleme“, so Dobia. In Melbourne lernt der junge Einwanderer seine Frau kennen, mit der er seit 57 Jahren verheiratet ist. Sie bekommen drei Kinder. „Inzwischen habe ich elf Enkel“, freut sich Dobia. Ihm gelang trotz fehlendem Schulabschluss die Traumkarriere eines Immigranten vom einfachen Arbeiter in der Fleischfabrik über den Besitzer eines Obstgeschäftes zum Unternehmer, der Länder mit Waren belieferte, die von der Weltbank Kredite erhielten.

Seine Herkunft hat Dobia dabei nie vergessen. Bis heute ist der Australier auf Spurensuche in ganz Europa. Diesmal führten den 84-Jährigen die Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag der Befreiung vom KZ Buchenwald nach Deutschland. „Ich werde nie aufhören, nach Dokumenten zu suchen“, so Dobia. „Sie zeigen die Wahrheit. Sie können nicht geleugnet werden.“