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EHRI: Oral History als Historische Hilfswissenschaft

„Wahrheit und Zeugnis im Spiegel der vielfältigen Sammlungen des Internationalen Suchdienstes“ lautete der Beitrag der ITS-Mitarbeiter René Bienert und Karsten Kühnel zum internationalen Workshop "Truth and Witness" im Rahmen des EU-Projekts European Holocaust Research Infrastructure (EHRI). Dieser fand vom 30. April bis 2. Mai in der Wiener Library in London statt. Im Mittelpunkt der Tagung standen überlieferte Zeugnisse von Überlebenden des Holocaust und von Tätern.

Diskutiert wurden die Bedeutung der Entstehung und Nutzung solcher Zeugnisse für ihre Deutung und Auswertung, Fragen der Erschließung, juristische Faktoren, Übersetzungsfragen sowie der Umgang mit inhaltlich fehlerhaften Zeugnissen. Die zahlreichen Beiträge beleuchteten unterschiedliche Arten von Zeugnissen vorwiegend aus historiographischer Sicht. Im Zentrum standen dabei die Erörterung quellenkritischer Methoden und die konkreten Ergebnisse einzelner Forschungsprojekte. Mündliche und schriftliche Berichte von Holocaust-Überlebenden können gemeinsam mit Briefen und Tagebüchern wertvolle und in offiziellen Dokumenten häufig unzugängliche Informationen über die Verfolgung und Ermordung der Juden bieten.

Archivar Karsten Kühnel stellte aus archivarischer Sicht zwei Beispiele von Dokumentengruppen jeweils gleichartiger Entstehungskontexte aus dem Archiv des ITS vor. Anschließend ergänzte Historiker René Bienert die Vorstellung der Zeugnisse aus Sicht der Forschung und unterzog sie durch eine Differenzierung in serielle und individuelle Quellen für Zeugenschaft einer quellenkritischen Bewertung.

„Das Ergebnis des Workshop war eine Reihe interessanter, teils wegweisender, teils aber auch schwieriger methodischer Ansätze im Bereich der Interdisziplinarität“, berichtete Kühnel. Die Wissenschaftler wollen nun eine methodenorientierte Auswertung der verschiedenen Beiträge für das EHRI-Projekt vornehmen. „Auf diese Weise könnte ein Instrumentarium erarbeitet werden, das dem Interessierten im künftigen Archiv- und Forschungsportal EHRI ein erprobtes und diskutiertes Handwerkszeug zum Umgang mit Zeugnissen der Oral History und anderer Testimonies an die Hand gäbe“, so Kühnel.