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Eine Kerze auf dem Grab des Großvaters

Die deutschen Besatzer verschleppten Julian Banaś aus Polen zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Er kam nie zu seiner Frau und den drei Kindern zurück. Wohin er deportiert wurde, wie er lebte und starb: Das alles erfuhr die Familie nicht. Bis seine Enkelin eine Anfrage an den International Tracing Service (ITS) richtete.

„Zwei Ereignisse sorgten dafür, dass ich begann, nach Spuren meines Großvaters zu suchen. Zum einen erkrankte mein Vater, sein jüngster Sohn. Er war bei der Deportation drei Jahre alt und hat deshalb keine Erinnerungen. Zum anderen sah ich zufällig eine Fernseh-Dokumentation über die erfolgreiche Suche nach einer Grabstätte.“ Danach wollte Źaneta Kargól-Ożyńska nichts lieber, als für ihren Vater Antworten finden und in seinem Namen eine Kerze auf dem Grab des Großvaters anzünden. Beides gelang ihr - mithilfe des ITS.

Endlich Klarheit

Dass Julian Banaś Zwangsarbeit und Krieg nicht überlebt hatte, davon war seine Familie immer ausgegangen. Doch die Umstände seines Todes berührten alle schmerzlich. Aus den Dokumenten im Archiv des ITS ging hervor, dass er bei einem Bauern im Stadtteil Schwerte-Ergste Zwangsarbeit leisten musste. Am 18. Oktober 1941 wurde er verhaftet und unter dem Vorwurf des verbotenen Umgangs mit Deutschen von der Gestapo im Dortmunder Gefängnis „Steinwache“ inhaftiert. Die Nazis versuchten Liebesbeziehungen und andere private Kontakte zwischen Deutschen und den ausländischen Zwangsarbeitern aus Polen und der Sowjetunion mit aller Gewalt zu verhindern. Eine 1946 ausgestellte Sterbeurkunde im Archiv benennt den 27. Juli 1942 als seinen Todestag. Besonders wichtig für die Familie war ein handschriftlicher Eintrag auf der Rückseite: Dort befindet sich ein Hinweis auf die Grablage in Dortmund.

Weitere Recherchen

Aufgrund von Rückfragen der Familie zu den Dokumenten, vor allem die Umstände des Todes betreffend, trat der ITS in Kontakt zu dem Historiker Alfred Hintz, Autor eines Buchs über die NS-Zeit in Schwerte. Es stellte sich heraus, dass er bereits über diesen tragischen Fall recherchiert hatte. Demnach wurde Julian Banaś von der Gestapo zurück nach Schwerte gebracht und dort im Ergster Wald hingerichtet. Nach 1945 gab es ein Ermittlungsverfahren gegen die Mörder, das aber eingestellt wurde. Źaneta Kargól-Ożyńska erfuhr über diese zusätzliche Quelle auch, dass eine Gedenkinitiative im Jahr 2010 vor dem Rathaus in Schwerte einen „Stolperstein“ zum Andenken an ihren Großvater verlegt hatte. Eine Geste und Erinnerung, die für sie und ihre Familie eine große Bedeutung hat.

Stationen einer Reise

Ohne ihren Vater kam Źaneta Kargól-Ożyńska mit ihrem Mann und ihrer Tochter Anfang August nach Deutschland. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er nicht mitfahren. Es war eine Reise mit vielen emotionalen Momenten: der Besuch des Grabs und das Aufstellen der Kerze, die Fahrt zum Ergster Wald, zu dem „Stolperstein“ in Schwerte sowie der Besuch der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache Dortmund. Die letzte Station war der ITS.

Malgorzata Przybyla, Mitarbeiterin der Abteilung Auskunftserteilung zu NS-Verfolgten, betreute gemeinsam mit Abteilungsleiterin Anna Meier-Osiński die Gäste aus Polen. In ihrer Muttersprache erhielten sie alle Informationen über die Dokumente, die Auskunft über das Schicksal von Julian Banaś gegeben hatten. Beim Durchsehen der Originale machten sie eine Entdeckung: Ein Dokument trug die Unterschrift des Großvaters. Die schwache Tinte war auf den Scans nicht erkennbar gewesen. Zum ersten Mal konnte die Enkelin die Schrift ihres Großvaters sehen, von dem es in der Familie praktisch keine Spuren gegeben hatte. „Damit habe ich nicht gerechnet. Das ist ein ganz besonderer Augenblick.“ Źaneta Kargól-Ożyńska betonte ihre große Dankbarkeit für die Hilfe bei der Suche und die Betreuung bei dem Besuch in Bad Arolsen: „Wir waren überwältigt davon, wie schnell wir alle Informationen vom ITS bekommen haben und wie viel Mühe sich alle gegeben haben, unsere Fragen zu beantworten. Ich konnte damals gar nicht glauben, dass wir sogar die Möglichkeit bekommen sollten, die Originaldokumente anzusehen. Jetzt habe ich die große Hoffnung, dass es meinem Vater bald besser geht, und wir noch einmal mit ihm zusammen zum Grab reisen können.“