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Eine Reise in die Vergangenheit – von Megan Ward

Bild zeigt. Schwarzweiß-Foto einer jungen Frau
Die Großmutter von Megan Ward als junge Frau, Foto: privat

Es ist April in Norddeutschland, die Frühlingsluft ist kühl, die Landschaft fasziniert mich. Ich befinde mich auf der letzten Etappe meines Europa-Besuchs 2015, ein sehr wichtiges und emotionales Kapitel meiner Reise. Nervosität und Vorfreude zwingen mich dazu, stocksteif im Auto zu sitzen, während ich die satt-grünen, vorbeiziehenden Äcker betrachte. Dennoch rast mein Herz so, dass mein Kopf die Umgebung nicht so klar und leuchtend aufnehmen konnte, wie ich es mir gewünscht hätte. Und plötzlich steht es vor mir, groß und stolz an der friedlichen Straße – das Bauernhaus der Vergangenheit. Dieses beeindruckende Gebäude war das „Zwangs-Zuhause“ meiner Großmutter. Hier hat sie den Rest der ihrer Jugend während des Zweiten Weltkrieges verbracht.

Meine Großmutter war eine wunderschöne Frau, klug, inspirierend und von vielen bewundert. Ihre Vergangenheit konnte niemand erahnen. Diese war geheimnisvoll, verwirrend, und für alle außer für sie selbst nahezu unbekannt.

Leider verstarb meine Großmutter Nina in 1979, einige Jahre vor meiner Geburt. Ich war schon zehn Jahre alt als ich zum ersten Mal kleine Ausschnitte über ihre europäische Vergangenheit hörte. Damals war ich fasziniert zu hören, wie heldenhaft stark meine Babcia gewesen ist. In diesem Moment begann meine lange Suche nach ihrer Vergangenheit: Jahrzehnte von Kummer und Frustration, Anerkennung und Begeisterung.

Nina wurde Mitte der 1920er Jahre als ältestes von mehreren Kindern in der Ukraine geboren – ein Kind der Sowjetunion. Die Erzählungen der Familie besagen, dass sie und ihre Schwester Nadia 1943 von den Deutschen entführt und mit einem Viehtransport nach Deutschland verschleppt worden waren. In Deutschland wurde Nina von Nadia getrennt und als Zwangsarbeiterin nach Norddeutschland geschickt, um dort auf einem Bauernhof zu arbeiten. Sie sollte Ihre Familie in der Ukraine nie wiedersehen.

Später sprach Nina sehr liebevoll von der Familie bei der sie gelebt hat. Sie erinnerte sich an freundliche, Menschen, die sie sehr gut behandelten. Sie selbst betonte, sie habe mit ihnen großes Glück gehabt.

Bei dieser Familie überlebte Nina Zwangsarbeit und Krieg. Nach der Befreiung jedoch wurde sie von russischen Soldaten als vermeintliche Kollaborateurin gefangengenommen. Die russischen Befreier unterstellten dem ukrainischen Mädchen „verräterische Aktivitäten“ – erst nach jahrelangen Nachforschungen habe ich verstanden was damals genau geschah.

Wie durch ein Wunder konnte Nina der Brutalität und den Verhören der Roten Armee entkommen. Misshandelt und verletzt flüchtete sie zu einem Polish Displaced Persons Camp. Hier versteckt sich Nina unter einer alten Matratze, die als Schlafplatz eines kranken Kindes diente. Die junge polnische Mutter des Kindes lenkte die russischen Soldaten ab, als sie auf der Suche nach Nina waren. Sie konnte die Männer dazu überreden, ihr angeblich hochansteckendes Kind nicht zu stören. Auf diese Weise blieb Nina unentdeckt.

Anfang 1946 ließ sich Nina als polnische DP registrieren, um nicht weiterhin verdächtigt zu werden – eine weitreichende Entscheidung, die ihr Leben für immer veränderte. Hier begann ihr Existenz als „Janina“, oder Nina, wie alle sie kennenlernten; ihre ursprüngliche Identität sollte für lange Zeit verborgen bleiben.

Einige Jahre später lernte sie meinen Großvater kennen, einen ehemaligen polnischen Aufständischen. Sie bekamen einen Sohn und emigrierten nach Australien.

Nina bekam weitere Kinder und erzählte ihnen im Laufe der Jahre immer wieder kleine Geschichten aus ihrem früheren Leben. Dennoch war die einzige konkrete Information, die ich als Verbindung zu ihrer Kindheit finden konnte, aus einer Schularbeit, die meine Mutter als 13 Jährige angefertigt hatte: ein Familienstammbaum. Dieser von Kinderhand gezeichnete Stammbaum mit kleinen biografischen Anmerkungen wurde zum wichtigsten Schlüssel zur Vergangenheit. Er enthielt die Namen und Geburtsdaten der Eltern und Geschwister meiner Großmutter.

Im Laufe der Jahre hat der ITS mir und meinem Vater, der mich bei meinen Recherchen immer unterstützt hat, einige Dokumente über Ninas Leben als polnische DP in der unmittelbaren Nachkriegszeit zur Verfügung gestellt. Ohne ihren wahren Namen zu kennen war es jedoch fast unmöglich, etwas über ihre Herkunft und ihre weiter zurückliegende Vergangenheit zu erfahren.

Erfolgreich waren wir dann schließlich, als wir die Suche anders ansetzten: Wir begannen mit Hilfe des ITS nach Ninas Schwester Nadia zu suchen, die im Stammbaum auftauchte. Der Durchbruch, auf den wir so lang gewartet hatten kam in der Form eines Briefes, in dem uns der ITS mitteilte, dass zwar keine Information über Nadia gefunden werden konnten, ihr Vater jedoch vor einigen Jahren, beim ITS vergeblich nach ihr gesucht hatte. Diese Nachricht überwältigte uns. War dies die erste echte Verbindung zu Babcias Familie? Schon längere Zeit wurde in meiner Familie gemutmaßt, dass auch Nadia nicht nach Hause zurückgekehrt war und nach Kriegsende in russischer Gefangenschaft geriet. War dieser Brief eine Bestätigung ihres schlimmen Schicksals, wenn doch ihr Vater immer noch nach ihr suchte, auch nach so langer Zeit? Aber warum suchte er nur nach Nadia, wenn doch auch Nina verschwunden war? Der Name des Vaters, Konstantin, stimmte genau mit den Notizen meiner Mutter überein. Obwohl noch vieles unklar schien, waren wir sehr dankbar als uns das Russische Roten Kreuz mit einer Suche unterstützte, um der Anfrage des Vaters nachzuspüren.

Über diese Suche bekam ich bereits kurze Zeit später Kontakt zu einer in Russland lebenden Frau namens Olga – der jüngsten Enkelin Konstantins. Was wir dann erfahren sollten, war vollkommen überraschend:

Olga erzählte mir, dass Konstantin tatsächlich zwei ältere Töchter hatte, Nina und Nadia, die gemeinsam nach Deutschland verschleppt wurden. Doch: Nina ist nach Hause in die Sowjetunion zurückgekehrt – Nadia nicht.

Nach vielen Monaten, in denen wir Informationen ausgetauscht hatten, unsere Notizen verglichen und immer mehr von und über einander lernten, wurde uns klar, dass meine Großmutter in Wahrheit Nadia war. Überraschenderweise hatte sie ihren Familienname, der polnischer Herkunft war, nie geändert. Sie hatte ihren polnisch klingenden Nachnamen behalten und nur den Vornamen geändert! In den vielen Jahren der Suche waren wir immer von einem Decknamen ausgegangen.

Wir waren überglücklich festzustellen, dass Nina, wie ich sie oft noch nenne, eine in der Ukraine lebende Schwester hatte. Also konnten wir unsere Familie doch noch zusammenführen. Olga und ihre Familie sind mir inzwischen sehr wichtig geworden. Ich war überglücklich, sie im April 2015 in Moskau kennenzulernen – mein erster „direkter“ Kontakt mit der Vergangenheit meiner Großmutter in Europa.

Mit den inzwischen gesammelten Informationen und mit ihrem echten Namen, konnte ich den ITS erneut anschreiben. Vom ITS bekam ich Dokumente über Babcias Versicherung während ihrer Zwangsarbeit auf dem Bauernhof. Mit diesen Dokumenten konnte ihren damaligen Arbeitgeber ermitteln. Mit der sehr netten Unterstützung des örtlichen Bürgermeisters kam ich in Kontakt mit den aktuellen Besitzern des Bauernhofs. Ein glücklicher Zufall – der Bauernhof ist immer im Besitz der Familie geblieben. Der derzeitige Besitzer war ein kleiner Junge, als meine Großmutter dort arbeiten musste und hatte sie noch kennengelernt.

Hier stand ich nun im April 2015, 70 Jahre zurück in die Vergangenheit gereist. Ich lief über das Land auf dem meine Babcia zwei Jahre lang gelebt und gearbeitet hat, ich hörte die Geschichte des Hofs und der Besitzer. Trank Tee in dem Haus, in dem sie Tee getrunken hatte, lauschte den Geschichten darüber, dass sie als Teil der Familie betrachtet wurde, welche Sympathie die Familie ihr entgegenbrachte – trotz der damit verbundenen Gefahren, hätte jemand die Bauernfamilie denunziert. Dies gab mir Gelegenheit meine Dankbarkeit der Familie gegenüber ausdrücken, die sich in dieser brutalen Zeit um meine Großmutter gekümmert hatte.

Ohne das Engagement des ITS und des Russischen Roten Kreuzes und ohne die Großzügigkeit und Freundlichkeit derer, die mir auf meiner Reise geholfen haben, wäre es mir nicht gelungen, den Lebensweg meiner Babcia zurückzuverfolgen, ihre längst verloren geglaubten Verwandten zusammenzubringen, Babcias Wegen während des Krieges und nach dem Krieg nachzuspüren. Es ist eine wichtige Erfahrung, die mir, und besonders meiner Mutter, ein tieferes Verständnis für Ninas Leben ermöglicht hat; eine Idee von den Herausforderungen, denen sie sich stellen musste, einen Eindruck von ihrer großen Überlebenskraft.

Nachdem ich viele Jahre dem Versuch gewidmet habe, ihr Leben und dessen Geheimnissen zu verstehen, war dies schließlich die Gelegenheit, Frieden für sie zu schließen, um sicherzustellen, dass ihre Erfahrungen und Opfer nicht ungeachtet bleiben und dafür zu sorgen, dass ihre Geschichte für die kommenden Generationen in Erinnerung bleibt.

Megan Ward, Australien im Dezember 2015