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„Eine Sozialgeschichte des Holocaust“

Dan Stone, Professor für moderne Geschichte an der Royal Holloway University of London, hat vier Wochen im Archiv des ITS für sein Forschungsprojekt „Tracing the Holocaust“ recherchiert. Den Großteil seiner Recherchen führt der Wissenschaftler im digitalisierten ITS-Archiv durch, das in der Wiener Library in London zur Verfügung steht. In Bad Arolsen hat der britische Historiker noch nicht digitalisierte Dokumente durchgesehen. Seine auf drei Jahre angelegte Forschungsarbeit wird von der Leverhulme-Stiftung gefördert.

Worum geht es bei Ihrem Forschungsprojekt?

Der erste Teil wird eine kleine institutionelle Geschichte über den ITS. Daran anknüpfend möchte ich anhand der ITS-Dokumente eine Geschichte des Holocaust schreiben, die nicht von den Obrigkeiten ausgeht. Vielmehr soll es ein Blick von unten sein, eine Sozialgeschichte des Holocaust. Dafür bietet der ITS viel Material. In manchen Teilen kann man ironischerweise eine Geschichte von unten nur mit Dokumenten von oben schreiben. Oft finden sich gerade dort Details über die Menschen.

Konnten Sie aufschlussreiche Dokumente finden?

Ja, ich habe zum Beispiel Kopien von Polizeiberichten aus Rumänien aus den Jahren 1942 und 1943 gefunden. Sie geben Auskunft über Roma-Familien, die nach Transnistrien deportiert worden waren und von dort zurück nach Rumänien geflohen waren. Die Dokumente enthalten teils akribische, wenngleich stereotype Beschreibungen über diese Menschen. Das widerspricht der häufig gehörten Meinung, der nationalsozialistische Genozid in Rumänien sei weniger organisiert abgelaufen. Die Behörden hatten genaue Kenntnisse über die Deportierten.

Interessant sind auch Kopien von Briefen Überlebender aus der damaligen Tschechoslowakei, die von den Nazis als „Halbjuden“  verfolgt und deportiert wurden. Nach 1945 schrieben sie an Mitarbeiter der IRO, dass sie in ihrem eigenen Land verfolgt würden. Der Hauptgrund dafür war, dass sie Deutsch sprachen. Es finden sich Schilderungen ihrer Lebensumstände in den Briefen. Sie baten die IRO um Unterstützung bei der Auswanderung, denn sie sahen in Tschechien keine Zukunft.

Nun bietet das Archiv des ITS eine Fülle an Themen und Herangehensweisen. Worauf wollen Sie sich konzentrieren?

Im Moment sammele ich zunächst und bin ziemlich überwältigt von den Möglichkeiten. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht nicht nötig, genau fokussiert zu sein. Aber ich plane unter anderem, mich mit unbekannten Nebenlagern zu beschäftigen. Eine große Zahl der Lager ist kaum beachtet, zum Beispiel weiß man im englischsprachigen Raum nur wenig über das Konzentrationslager Groß-Rosen.  

Außerdem möchte ich zeigen, dass der Holocaust ein weit verbreitetes Verbrechen war und auch andere Länder Europas betraf. Es geht mir um die Betrachtung europäischer Geschichte als gemeinsame Geschichte und nicht allein aus nationalen Perspektiven. Das ist auch im heutigen politischen Kontext von Bedeutung. Der Aufstieg des Rechtspopulismus in Europa beweist, dass das Gedächtnis von Nazismus nicht nur ein deutsches Problem ist. Ich verstehe die rechtspopulistischen Bewegungen in gewissem Maß als Nachfolge kriegszeitlicher Parteien und faschistisch orientierter Kollaborateure.

Wie sehr wirkt es sich auf das wissenschaftliche Arbeiten aus, dass der ITS kein „klassisches“ Archiv ist, da die Dokumente früher ausschließlich für die Sucharbeit verzeichnet und verwendet wurden?

Es ist für mich nicht so einfach, wie es für Lokalforscher ist, die ja viel beim ITS recherchieren. Wenn man konkrete Fragen hat, findet man schnell Dokumente. Bei weiter gefassten Projekten ist das anders. Man macht Entdeckungen, aber es hat immer etwas Zufälliges. Dies spiegelt die Entwicklung des Archivs selbst, dessen Aufbau stark von Zufällen abhing.

Aber der ITS wird international immer bekannter. Es ist für Doktoranden und andere Wissenschaftler sehr wichtig, dass sie dieses Archiv nutzen können. In Vorträgen weise ich übrigens immer auf das Potenzial des ITS hin. Meine Kollegen finden wahrscheinlich schon, dass ich im Moment über kaum etwas anderes rede.