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Empathie für Opfer und Flüchtlinge wecken

Die aktuelle Flüchtlingssituation in Europa und die Rolle des International Tracing Service (ITS) bei der Sensibilisierung für Themen wie Krieg und Verfolgung standen im Mittelpunkt des gestrigen Vortrages „Flüchtlingskrise und Menschenrechte aus Sicht meiner Arbeit für OSZE und ITS“ von ITS-Direktorin Floriane Hohenberg. „Der ITS möchte neben seinen Aufgaben zur Aufarbeitung der Vergangenheit auch einen Beitrag leisten für die heutige Gesellschaft“, betonte Hohenberg vor den knapp 60 Zuhörern im Christian Daniel Rauch-Museum von Bad Arolsen.

Europa müsse sich darauf einstellen, dass die aktuellen Flüchtlingsbewegungen anhielten, sagte Hohenberg, die bis Ende 2015 die Abteilung für Toleranz und Antidiskriminierung des Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR) der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) leitete. Noch nie seien in der jüngeren Geschichte der Menschheit so viele Menschen gleichzeitig auf der Flucht gewesen. Die Vereinten Nationen sprechen von etwa 65 Millionen Menschen, die vor Bürgerkrieg, bewaffneten Konflikten, Verfolgung und Armut fliehen. Rund eine Million Flüchtlinge hat Europa 2015 aufgenommen. „Die meisten Menschen finden in den unmittelbaren Nachbarstaaten Aufnahme“, so Hohenberg. „Insofern steht Europa vor einer enormen Herausforderung, aber einer vergleichsweise machbaren.“

Infolge des Zweiten Weltkrieges sowie der nationalsozialistischen Verfolgung und Verschleppung hätten sich damals ebenfalls Millionen Menschen auf der Flucht befunden. Allein in Deutschland gab es zum Kriegsende mehr als zehn Millionen Displaced Persons. Hinzu kamen die Vertriebenen und die Kriegsschäden. „Vielleicht sollten wir uns diese Situation gelegentlich vor Augen führen“, erinnerte die Menschenrechtsexpertin. Was heute fehle, sei unter anderem eine Dokumentation der Fluchtbewegungen und der Einzelschicksale. „Dies ist nicht nur Sache der Behörden. Hier sollten auch andere Institutionen tätig werden.“ Positive Beispiele einzelner Flüchtlingsinitiativen gebe es bereits. Hier könne sich der ITS Kooperationsprojekte vorstellen.

Die aktuelle Wirtschaftskrise, die Furcht vor dem Abstieg, der Vertrauensverlust in Institutionen, die Terrorgefahr ebenso wie ungelöste Identitäts- und Wertefragen führten zur Verunsicherung vieler Menschen in Europa und seien eine Gefahr für die Demokratie. Hassbotschaften im Netz, Meinungsumfragen mit einer erschreckenden Bilanz der Intoleranz gegenüber Minderheiten und kriminelle Übergriffe gegen Flüchtlinge nähmen zu. Und diese Einstellungen wirkten immer stärker auch in die Mitte der Gesellschaft hinein bis hin zur Parteienbildung mit rechtsradikalen Tendenzen. „Angesichts der Flüchtlinge müssen wir uns der Frage stellen, wie wir uns als Gesellschaft verstehen und worin wir unsere Rolle sehen“, mahnte Hohenberg.

Diskurs um Werte anregen

Der ITS könne mit Hilfe seiner Dokumentation sensibilisieren für die Themen Flucht und Verfolgung und aufklären, welche langfristigen Folgen Ausgrenzung, Krieg, Verfolgung und Verschleppung bei den Betroffenen und Familienangehörigen hinterlassen. Ausdruck dafür seien die etwa 1.000 Anfragen, die der ITS auch über 70 Jahre nach Kriegsende monatlich noch erhalte. „Die Korrespondenzakten berichten von der Präsenz der Geschichte in der Gegenwart.“ Auch die Ausstellung des ITS zu Displaced Persons könne der Gesellschaft deutlich machen, was ein Neuanfang fern der Heimat bedeutete und einen Bezug zur Gegenwart kreieren. „Wir wollen unsere Dokumente in die Welt bringen, verständlich machen, was passierte und wie viele Jahrzehnte die Geschichte nachwirkt“, äußerte Hohenberg.

Das geplante neue Archivgebäude, die Online-Stellung einzelner Archivbestände oder die Unterstützung von Forschungs- und Bildungsprojekten seien Beispiele für Aktivitäten des ITS, die diese Absicht unterstützten. „Wir möchten Empathie für die Schicksale von Betroffenen schaffen. Dies kann der ITS vermitteln und damit einen Diskurs in der Gesellschaft um unsere Werte anregen“, schloss Hohenberg.