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Erinnerung an den Leidensweg des Großonkels

„Was nicht auf Papier steht, geht verloren“, denkt Laurent Guillet. Deshalb hat der Franzose die Geschichte seines seit 1945 verschollenen Großonkels jetzt in dem Buch „Il s’appelait Joseph“ (Er hieß Joseph) veröffentlicht. Gestern hat er es den Mitarbeiterinnen der Französischen Verbindungsmission beim Internationalen Suchdienst (ITS) überreicht, um ihnen persönlich für die Mithilfe bei den Recherchen zu danken. „Sie machen eine wunderbare Arbeit und waren maßgeblich an meiner knapp zweijährigen Suche nach Dokumenten und Informationen beteiligt“, sagte der 41-Jährige.

Mit dem Buch wolle er der Kriegsgeneration seinen Respekt zollen, äußerte Guillet. „Ich widme es allen Opfern des Krieges.“ Sein Großonkel Joseph Santerre war 1940 in Kriegsgefangenschaft geraten und später als Zwangsarbeiter verpflichtet worden. 1944 wurde er verhaftet und in ein Arbeitslager im heutigen Tschechien verschleppt, wo er im Februar 1945 verstarb. „Das Buch war für mich eine große Herausforderung“, so Guillet. „Ich habe in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und Tschechien recherchiert, zahlreiche Dokumente gesammelt und alle Orte besucht, an denen Joseph war.“

Die Veröffentlichung enthält neben dem Leidensweg des Großonkels auch Beschreibungen der Orte aus gegenwärtiger Sicht sowie Hinweise auf alle Institutionen, die bei der Suche nach den Spuren der Vergangenheit behilflich sein können. „Damit will ich eine Brücke zwischen damals und heute schlagen“, erläuterte Guillet. „Ich möchte die Menschen einladen zu reisen und mögliche Vorbehalte abbauen helfen. Wir dürfen nicht vergessen, sondern sollten aus der Geschichte lernen.“ Und so ist nicht zuletzt die Absicht der Versöhnung ein Leitmotiv seiner Arbeit. „Es bringt die Menschen zusammen, wenn sie gemeinsam ihre Geschichte aufarbeiten.“

Mit 15 Jahren hat Guillet erstmals Fragen an die Geschichte gestellt, als eine Gruppe von Bundeswehrsoldaten zu Besuch in seinen Heimatort in der Bretagne kam. Seitdem hat er mehrere Bücher zur Geschichte der deutschen Besatzungszeit veröffentlicht. Dazu zählen insbesondere Werke zu den 75.000 bis 200.000 so genannten „Kriegskindern“, die aus Beziehungen von Französinnen zu deutschen Besatzungssoldaten hervorgingen, aber auch ein Fotoband mit den Erinnerungen deutscher Soldaten. Bei seinen Recherchen für die Bücher ist Guillet mit etlichen Zeitzeugen in Kontakt gekommen. „An den Erinnerungen anderer teil zu haben, fasziniert mich“, sagte der Schriftsteller. „Mein Interesse ist im Lauf der Jahre immer weiter angewachsen. Diese Arbeit lässt sich nicht ohne Gefühl und Leidenschaft machen.“