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Erinnerungen an den Vater

Das Andenken an seinen Vater Maurice de Wachter, der als belgischer Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten verhaftet und ins Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg verschleppt worden war, will sein Sohn Erald mit einem Buch wach halten. Es soll noch in diesem Jahr erscheinen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Agnis van Mieghem hat der Belgier für einen Tag beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen Dokumente aus Neuengamme zum Schicksal seines Vaters und zu Freunden aus dem Widerstand gesichtet.

Am 28. Juli 1944 war Maurice de Wachter zusammen mit 20 anderen Widerstandskämpfern verhaftet worden. Er kam für einen Monat ins Gefängnis nach Gent. Per Lastwagen ging es weiter nach Antwerpen und von hier aus per Zug über Holland nach Neuengamme. „In der Nacht vom 2. September 1944 traf mein Vater im Konzentrationslager ein“, berichtet Erald de Wachter. „Zunächst musste er in Quarantäne, doch dann taucht eine Lücke von sechs Wochen in seiner Biografie auf. Ich weiß nur, dass er bis November in einem Außenlager von Neuengamme war, aber nicht in welchem.“

Es ist die letzte Frage, die de Wachter in der Biografie seines 1905 geborenen Vaters noch nicht klären konnte. Insgesamt zählte das Konzentrationslager Neuengamme 86 Außenlager. Die meisten Dokumente hatte die SS vor der Räumung von Neuengamme verbrannt. Auch im Archiv des ITS gibt es deshalb nur eine begrenzte Anzahl von Unterlagen. „Dennoch war ich erstaunt, wie viele Dokumente, Briefe und Erinnerungen ich für mein Buch noch gefunden habe“, erzählt Erald de Wachter. „Ich dachte, es wäre bereits viel mehr verloren gegangen.“ Vergangenes Jahr war der Belgier nach Hamburg gefahren, um sich die Orte des Geschehens anzusehen.

Nach dem Außenkommando wurde sein Vater Maurice in dessen Beruf als Schneider in der Nachtschicht der Kleiderkammer des Konzentrationslagers eingesetzt. „Hier war es wärmer als in anderen Blocks. Das wird ihm geholfen haben“, vermutet sein Sohn. Einmal musste de Wachter eine Reiterhose für den Lagerkommandanten Max Pauly schneidern. „Mein Vater erzählte, dass er große Angst hatte vor der Begegnung. Als Pauly sagte, die Hose sei gut, war er enorm erleichtert.“

Zum Ende des Krieges wurde die Häftlinge von Neuengamme Richtung Lübeck evakuiert. Zunächst war de Wachter an Bord eines der Schiffe, die später in der Lübecker Bucht von der britischen Royal Air Force bombardiert und versenkt wurden. „Doch er hatte unglaubliches Glück“, weiß sein Sohn. „Zusammen mit anderen Belgiern konnte er an Bord des schwedischen Schiffes Magdalena wechseln und erreichte am 2. Mai 1945 die rettende Küste von Schweden.“ In den letzten Kriegstagen hatte Heinrich Himmler die Erlaubnis zur Evakuierung von KZ-Häftlingen erweitert, die auf Vermittlung des Schwedischen Roten Kreuz unter Leitung von Vizepräsident Graf Folke Bernadotte zunächst nur für skandinavische Häftlinge gegolten hatte.

Während der zweieinhalb Monate im schwedischen Veinge kam de Wachter wieder zu Kräften, bevor er am 12. Juli 1945 in seine Heimat zurückkehren konnte. „Den Briefwechsel mit meiner Mutter aus dieser Zeit gebe ich in meinem Buch wieder“, kündigt Erald an. „Sie hat während der Abwesenheit meines Vaters viel Solidarität im Dorf erfahren. Nachbarn und Verwandte halfen ihr.“ Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung hatten de Wachter und seine Frau bereits drei Kinder, ein weiteres war unterwegs. Erald und ein weiterer Bruder wurden nach dem Krieg geboren.

Nach dem Kriegsende arbeitete de Wachter als Schneider in seinem eigenen Geschäft. „Er sang immer bei der Arbeit“, erinnert sich sein Sohn. Schwierig seien für seinen 1994 verstorbenen Vater die Reaktionen der Menschen daheim gewesen. „Sie sagten, du übertreibst. Sie glaubten ihm nicht, dass jemand so etwas überleben kann. Also hörte er für lange Zeit auf, über das Erlebte zu sprechen. Wir Kinder kannten nur Fragmente.“ Umso mehr sieht es Erald de Wachter nun als seine Aufgabe und Verpflichtung an, das Schicksal seines Vaters in dem Buch „Maurice – von Stekene in die Hölle von Neuengamme“ für „mich, meine Brüder und die kommenden Generationen“ festzuhalten.