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Erinnerungsschichten und Traumata

Kinderheim Blankenese, 1945/46

Der diesjährige Yom HaShoah – der Tag zur Erinnerung an den Holocaust in Israel und vielen jüdischen Gemeinschaften auch außerhalb des Staates Israel – fällt auf den 16. April, den 27. Nissan nach dem jüdischen Kalender. Yom HaShoah wird in Israel in einem zentralen Staatsakt in Yad Vashem begangen, der wichtigsten israelischen Dokumentations-, Forschungs- und Erinnerungsstätte zum Holocaust. Dieses Jahr widmen sich die Zeremonien den ermordeten jüdischen Kindern. Dazu wurde die Ausstellung „Sterne ohne Himmel“ eröffnet. Jüdische Kinder, die das Morden Nazi-Deutschlands und seiner Helfer überlebten, waren eine kleine Minderheit. Sie sind heute die nahezu letzten Zeitzeugen, die berichten können und mit denen eine Begegnung möglich ist. Viele von ihnen leben in Armut und Einsamkeit, wie die Hilfsorganisation AMCHA immer wieder unterstreicht. Psychosoziale Hilfe und Unterstützung erhalten die Kinder und Kindeskinder von Überlebenden auch in Deutschland nicht; und dies obwohl die Weitergabe von Traumata - wie jene in der Shoah erlittenen - bewiesen wurde.

Die Ereignisse während der Shoah spiegeln sich auch in den Akten des International Tracing Service (ITS), in dessen Archiv Millionen Dokumente zur Verfolgung, Enteignung und dem Mord an den Juden Europas bewahrt werden. Doch auch die Überlebenden – der Rest der Geretteten, wie sie sich selbst nannten – sind in vielen der ITS-Dokumente präsent.

Über die die Traumata der Child Survivor geben die Unterlagen des Child Search Branch (CSB) Auskunft. Jene als „unaccompanied children“ bezeichneten minderjährigen Überlebenden unterlagen der Fürsorge des bis 1951 aktiven CSB. Für jedes registrierte oder als vermisst gemeldete Kind gibt es eine Akte, in der die bekannten Informationen über das betreffende Kind gesammelt wurden. Sie enthalten unter anderem den Schriftwechsel mit den verschiedenen Einrichtungen und Behörden, um eventuell lebende Verwandte zu lokalisieren sowie Korrespondenz zur Repatriierung oder Auswanderung. Hinzu kommen Briefe und andere Schriftstücke von Verwandten sowie von Hilfsorganisationen. Besonders berührend sind die Fotografien aufgefundener oder gesuchter Kinder, die sich in etlichen Akten befinden. Ein zentrales, in nahezu allen Akten überlebender Kinder vorhandenes Kerndokument, ist das Interview, das ein Child Welfare Officer mit dem Kind führte, sofern es alt genug war, in einem Gespräch Auskunft zu geben. In diesem Interview wurden Fragen nach der Herkunft, der Familie, deren Verbleib sowie dem eigenen Verfolgungs- beziehungsweise Überlebensweg gestellt. Hinzu kam die Frage nach den eigenen Wünschen für die Zukunft.

Aus der Akte von Anni Plaut, geboren 1929 bei Kassel: „Anni lebte zusammen mit ihren Eltern und Brüdern, Walder und Karol, in Kassel, von wo aus sie alle 1943 nach Riga in ein Krematorium gebracht wurden, wo man sie umbrachte. Anni kam in ein KZ nach Riga und musste in einer Kleiderkammer arbeiten. […] 1944 wurde sie ins KZ Stutthof deportiert. Nach vier Wochen kam sie nach Polen und wurde später von den Russen befreit. Sie kam nach der Befreiung zurück nach Kassel. Sie war sehr krank und wurde in einem Hospital behandelt. Als es ihr besser ging, ging sie ins DP-Camp Zeilsheim – in der Hoffnung nach Palästina auswandern zu können, wo eine Schwester von ihr lebt.“ (6.3.2.1/84435274ff. /ITS Digital Archive, Bad Arolsen)