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„Es geht mir um Akzeptanz.“

Buchenwald-Überlebender Alex Moskovic will sich erinnern. „Ich möchte meine Erfahrungen mit anderen teilen und für Akzeptanz und Respekt eintreten“, so der US-Amerikaner. Deshalb dreht er zusammen mit seinem Sohn Steven derzeit einen Dokumentarfilm, der ihn am 7. April 2010, seinem 79. Geburtstag, auch zum Internationalen Suchdienst nach Bad Arolsen führte. Das Archiv birgt zahlreiche Unterlagen zum Schicksal seiner Familie. Anschließend reiste er weiter zur Gedenkstätte des KZ Buchenwald, um an den Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag der Befreiung teilzunehmen.

Alex Moskovic gehört zu den 904 überlebenden Kindern und Jugendlichen aus dem Konzentrationslager Buchenwald. „Die Dokumentation soll vor allem zeigen, wie das weitere Leben der Buchenwald-Kinder verlaufen ist und was sie erreicht haben“, sagt Moskovic. „Wir sind gute und produktive Bürger geworden“, fügt er nicht ohne Stolz hinzu. Den negativen Prognosen der Psychiater hätten sie getrotzt, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Zweifel an der Integrationsfähigkeit der Kinder in eine Zivilgesellschaft geäußert hatten. „Wir wussten nur wenig, als wir befreit wurden. Für uns gab es nur das Lagerleben, keine Schule, keine Ausbildung“, berichtet Moskovic. „Doch wir wollten, dass es weitergeht.“

Moskovic wurde 1931 in Sobrance geboren (bis 1939 Tschechoslowakei, dann von Ungarn besetzt, heute Slowakei). Bis zum Einmarsch der Deutschen im Frühjahr 1944 führte die jüdische Familie ein „normales“ Leben, beschreibt Moskovic die Lage aus der Sicht des damals 13-Jährigen. Sein Vater besaß ein kleines Geschäft. „Doch dann wurde uns gesagt, wir würden ‚umgesiedelt’“, erinnert sich Moskovic. „Jeder durfte genau eine Tasche packen. Wohin es gehen sollte, blieb unklar.“

Zunächst wird die Familie für acht Wochen in ein Ghetto verschleppt. Im „Viehwaggon“ geht es im Mai 1944 weiter ins Konzentrationslager Auschwitz. Bei der Ankunft im Lager und der sofortigen Selektion reiht sich Alex zunächst bei seiner Mutter ein, bis ihn ein älterer Häftling zu den Männern zerrt. „Denke immer daran zu sagen, dass Du 16 Jahre alt bist“, zischt dieser ihm zu und rettet ihm so das Leben. Seine Großmutter und sein jüngerer Bruder werden ermordet, seine Mutter sieht Alex nie wieder, von seinem Vater und seinem älteren Bruder wird er getrennt.

Die SS sperrt den Jungen in einen Block mit anderen Kindern. Sie dürfen nur tagsüber herauskommen, während die Älteren bei der Zwangsarbeit sind. Die Kinder hören Gerüchte über medizinische Experimente. Alex bleibt verschont. Eines Tages bekommt er die Häftlingsnummer B-14662 auf den Arm tätowiert und wird einem Arbeitskommando zugeteilt. „Mit 13 anderen Jungs war ich im so genannten ‚Scheiße-Kommando’“, berichtet Moskovic. Zu den Aufgaben der Jugendlichen zählt auch die Reinigung der Küchen, was Alex’ Überlebenschancen deutlich verbessert.

Als sich die russische Armee nähert, muss Alex Ende Januar 1945 mit auf den Todesmarsch nach Gleiwitz. „Wir hörten bereits das Kanonenfeuer“, so Moskovic. „Um an Wasser zu kommen, aßen wir den Schnee.“ Am Bahnhof, von dem aus es weiter ins KZ Buchenwald gehen sollte, trifft Alex nach acht Monaten des Grauens und der Ungewissheit erstmals wieder auf seinen älteren Bruder und seinen Vater. „Wir gingen wortlos aufeinander zu, fielen uns in die Arme und weinten. Wir hätten so viel zu sagen gehabt, doch wir wiederholten immer wieder nur unsere Namen. Es war unglaublich.“

Die drei versuchen zusammen zu bleiben, was ihnen zumindest eine Zeitlang auch gelingt. Doch Alex Vater Josef wird im KZ Buchenwald zu schwach und stirbt am 9. Februar 1945. Ein Kapo schleust Alex und seinen Bruder Zoltan in den Block 66. Dieser stand unter dem Schutz des kommunistischen Widerstandes, der sich innerhalb des Lagers gebildet hatte und jüdische Jugendliche retten wollte. Die Kommunisten organisierten zusätzliche Rationen an Essen und bei Gefahr eine Verlegung in den Krankenblock. Dennoch muss Alex zwei Jahre älterer Bruder Zoltan auf einen weiteren Todesmarsch.

Nach der Befreiung des Lagers durch die US-Armee am 11. April 1945 verbringt Alex sechs Wochen im Krankenbett, um wieder zu Kräften zu kommen. Er war bis auf 32 Kilo abgemagert. Anschließend geht er zurück in seinen Heimatort. „Wir hatten verabredet, dass sich die Familie dort wieder treffen würde, wenn alles vorbei ist“, berichtet Alex. Er wartet mehrere Monate. Doch niemand kehrt zurück. Alex bleibt der einzige Überlebende. Schließlich holt ihn ein Onkel im Juli 1946 in die USA.

In der neuen Heimat ging Moskovic dann zur Schule, heiratete, bekam zwei Kinder und arbeitete 30 Jahre für den Fernsehsender ABC Sports. Das erste Mal, dass er wieder deutschen Boden betrat, war zur Berichterstattung über die Olympiade in München 1972. Hier erlebte er den Anschlag palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft mit. „Ich musste mit der Situation professionell umgehen“, erklärt Alex. „Ich hatte glücklicherweise nicht viel Zeit zum Nachdenken.“

1994 begann der US-Amerikaner in Florida seine „zweite Karriere“, wie er es nennt. Er fing an zu sprechen über seine grausamen Erinnerungen an seine verlorenen Jugendjahre und die Zeit im Lager. Vor allem Schüler sind sein Publikum. „Die Menschen müssen wissen, was passiert ist“, sagt Moskovic. „Ich will sicher gehen, dass sich so etwas nie wiederholt.“ Für ihn steht dabei nicht das Stichwort Toleranz im Mittelpunkt, denn diese beinhalte immer noch eine Distanz zum anderen. „Akzeptanz lautet für mich das richtige Wort.“ Die Kinder sollten rechtzeitig lernen, keine Form der Ausgrenzung hinzunehmen, ob es um die Hautfarbe, die Religion, das Einkommen oder die Kleidung geht.