a A
News

„Es war mein Wunsch, mehr zu erfahren."

Wendy van Eijnatten bei ihrem Besuch im ITS.
Wendy van Eijnatten bei ihrem Besuch im ITS.

Um mehr über ihre Familiengeschichte herauszufinden, stellte die Niederländerin Wendy van Eijnatten eine Anfrage an den International Tracing Service (ITS). Im April 2016 reiste sie nach Bad Arolsen, da sie gerne die Dokumente zu ihrem Onkel Jan (Johannes Franciscus Maria) van Boeckel sehen wollte. Gemeinsam mit einer ITS-Mitarbeiterin forschte sie zusätzlich nach Unterlagen über Maurice Christelbach und Arthur Simon, zwei Überlebende, die mit ihrem Onkel inhaftiert gewesen waren. Von den beiden Mitinhaftierten hatten die Eltern und Geschwister in den 1960er Jahren erfahren, dass Jan van Boeckel in den letzten Kriegstagen auf einer den Todesmärschen ähnlichen Zugfahrt Richtung Dachau gestorben war. Im Oktober 2015 hatte Wendy van Eijnatten damit begonnen, nach Puzzleteilen zu suchen, um aus ihnen eine möglichst detaillierte Geschichte erzählen zu können. Es ist ihr gelungen Zeitzeugen zu finden und mit den Kindern von ehemaligen Freunden und Widerstandskämpfern zu sprechen.

Jan van Boeckel, geboren am 11. Februar 1923 in der niederländischen Stadt Breda, war als Widerstandskämpfer in Belgien und hatte sich einer Gruppe der „Front de l'Indépendance“ in den Ardennen angeschlossen. Im Mai 1944 wurde er zusammen mit anderen Widerstandskämpfern in der Nähe der „Moulin de Rahimont” in Bértogne verhaftet. Ein Lager unweit der alten Wassermühle war Treffpunkt und zugleich Versteck für entflohene Zwangsarbeiter gewesen. Jan van Boeckel kam zunächst in ein Gefängnis nach Lüttich. Im Sommer 1944 wurde er als „Nacht-und-Nebel-Häftling“ nach Deutschland deportiert und in das Gefängnis Ebrach in Oberfranken eingeliefert. Seit Dezember 1941 wurden Regimegegner in besetzen Gebieten gemäß des sogenannten „Nacht- und Nebel-Erlasses“ ohne Strafverfahren nach Deutschland deportiert, mit der strengen Auflage, dass ihre Familien keinerlei Informationen über das weitere Schicksal erhielten. Dieses spurlose Verschwinden sollte der Abschreckung dienen.

Dem ITS liegen Dokumente von Februar 1945 über Jan van Boeckels Deportation durch die Staatspolizei Liège/Staatspolizei Nürnberg-Fürth zum Konzentrationslager Flossenbürg und über die Überstellung in das Kommando Saal/Donau vor, ein Außenkommando dieses Konzentrationslagers. Unter den elf Dokumenten ist eine Effektenkarte, die alle Gegenstände benennt, die er bei seiner Ankunft in Flossenbürg bei sich hatte. In dem Kommando Saal (Tarnname: Ring oder Ring-Me) mussten die Häftlinge unter grausamen Lebens- und Arbeitsbedingungen Stollen für eine unterirdische Flugzeugfabrik der Messerschmitt-Werke Regensburg anlegen. Kurz vor der Befreiung wurde ein Teil der Häftlinge in offenen Waggons ohne Nahrung und Wasser in das KZ Dachau transportiert. Jan van Boeckel überlebte diese Tortur nicht.

Wendy van Eijnatten erfuhr bei ihrem Besuch in Bad Arolsen zudem, dass sich einige der insgesamt zwölf Geschwister von Jan auf der Suche nach mehr Informationen über sein Schicksal an den ITS gewandt hatten. Da ihre eigene Familie viele Jahre in Afrika lebte, wo sie auch geboren wurde, wusste sie selbst zunächst sehr wenig. Die Ergebnisse ihrer Recherche über das Schicksal Jan van Boeckels veröffentlicht sie im Internet unter mogromo.com/portfolio/jan-van-boeckel. Wendy van Eijnatten hätte anfangs nie gedacht, dass sie so viele Informationen finden würde. Aber die Motivation zu suchen, begleitete sie schon lange: „Seit ich ein Foto von ihm gesehen hatte, war es mein Wunsch mehr zu erfahren.“