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Beeindruckender Gast: Esther Bejarano

Esther Bejarano hat Auschwitz, Ravensbrück und einen Todesmarsch überlebt. In Auschwitz spielte sie Akkordeon im Mädchenorchester. Seit einigen Jahren tritt die inzwischen 91-jährige Musikerin und politische Künstlerin mit ihrem Sohn und der Hip-Hop Band „Microphone Mafia“ auf. Ihre Botschaft: Aufstehen gegen Hass und Gewalt, gegen Rassismus, Antisemitismus und Homophobie. Am 11. Juni 2016 besuchte Bejarano den International Tracing Service (ITS) und nahm Einblick in die Dokumente zu ihrem Verfolgungsweg. Am Abend sang sie vor ausverkauftem Haus im Bad Arolser BAC-Theater.

„Ich mache weiter, bis es keine Nazis mehr gibt“

„Die Menschen dürfen nicht schweigen, zu dem was auch heute passiert“, betonte die Musikerin im Gespräch. „Nicht, so lange es diese Rechtsextremen und ihre Parteien gibt. Und ich sehe leider viele Parallelen zu früher. Wir müssen uns alle zusammentun und dagegen aufstehen.“ Mit ihrer Botschaft möchte Bejarano vor allem junge Menschen erreichen. Sie erzählt ihre Geschichte, wieder und wieder, auf der Bühne und in Schulen. Rund 80 Konzerte gibt die 91-jährige im Jahr: „Ich mache weiter, bis es keine Nazis mehr gibt. Solange stehe ich auf der Bühne.“ Mit einem Arrangement aus Partisanenlieder, Liedern aus dem Ghetto und Rap sangen Bejarano und „Microphone Mafia“ am Samstagabend im Bad Arolser BAC-Theater gegen Rassismus und Ausgrenzung.

Vor dem Konzert hatte Esther mit ihrem Sohn Joram den ITS besucht. Zahlreiche Dokumente aus dem Archiv des ITS geben Auskunft über ihr Schicksal und das ihrer Familie. Sowohl die Deportation und Ermordung der Eltern ist im Archiv dokumentiert, als auch die Ermordung von Esthers Schwester Ruth 1942 in Auschwitz.

Die ITS-Dokumente zu Esther Bejaranos Verfolgungsweg

Esther Bejarano wurde im Dezember 1924 als Esther Loewy in Saarlouis geboren. Ihr Vater war Oberkantor der jüdischen Gemeinde in Saarbrücken. Musikalisch begabt, lernte sie mit sechs Jahren, Klavier zu spielen – die musikalische Begabung rettet ihr später in Auschwitz das Leben. 1941 zwangen die Nationalsozialisten Esther Bejarano in ein Arbeitslager. Am 19. April 1943 wird sie vom „Landwerk Neuendorf“ mit dem 37. Osttransport durch die Geheime Staatspolizei Berlin nach Auschwitz deportiert, wo sie am 20. April 1943 ankommt. Die Deportation ist im Archiv des ITS dokumentiert.

In Auschwitz behauptete die 19-jährige, sie könne Akkordeon spielen, um in das Mädchenorchester aufgenommen zu werden – eine gefährliche Entscheidung, da sie nie ein Akkordeon in der Hand gehabt hatte. Sie erlernte das neue Instrument schnell und entkam durch das Orchester dem todbringenden Arbeitskommando. Nach Dokumenten des ITS wurde sie am 16. September 1943 von Auschwitz in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie Zwangsarbeit bei Siemens leisten musste.

Nach der Befreiung

Kurz vor der Befreiung zwangen die Nationalsozialisten die Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück auf einen der sogenannten Todesmärsche. Esther Bejarano gelang es, mit Freundinnen während des Marsches zu fliehen. Am 3. Mai 1945 endet für sie die Verfolgung mit der Befreiung durch die Rote Armee. Sie schlug sich Richtung amerikanische Besatzungszone durch und wurde laut ITS-Dokumentation am 16./17. August 1945 als Displaced Person (DP) im DP-Camp Buchenwald in Gehringshof bei Fulda registriert. Aus den vom ITS verwahrten DP-Akten der Alliierten geht hervor, dass Esther zu ihrem Wunschziel nach Palästina emigrierte und dort am 8. September 1945 in Haifa an Bord der „Mataroa“ ankam.

Bejarano & Microphone Mafia

In den 1960er Jahren zog Esther Bejarano mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern nach Hamburg. Ausgelöst von einer Begegnung mit einer rechtsextremen Partei brach sie in den 1970er Jahren ihr Schweigen und begann ihre Geschichte öffentlich zu erzählen. Seitdem spricht sie mit Schülerinnen und Schülern über ihre Vergangenheit und über die Notwendigkeit auch heute gegen Ausgrenzung aktiv zu werden. Im Juni 2009 veröffentlichte sie mit ihren Kindern Edna und Joram und der deutsch-türkisch-italienisch-kölschen Band „Microphone Mafia“ das Album „Per la Vita“ („Für das Leben“). Motivation für dieses Musikprojekt war es zunächst, den von Neonazis an Schulen verteilten Musik-CDs etwas entgegenzusetzen. Seitdem haben „Bejarano und Microphone Mafia“ hunderte Konzerte gegeben. 2013 erschien das zweite Album, „La Vita Continua“ („Das Leben geht weiter“).

Das Konzert in Bad Arolsen war ein Kooperationsprojekt von ITS und BAC-Theater.