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Filmpremiere von "Kinderblock 66" in der Gedenkstätte Buchenwald

Sensibel und gefühlvoll erzählt der Dokumentarfilm „Kinderblock 66 - Return to Buchenwald“ die Geschichten von vier jüdischen Kindern aus dem Block 66 des Konzentrationslagers Buchenwald. Sie stehen beispielhaft für die Schicksale von etwa 1000 jüdischen Kindern und Jugendlichen, die die US Armee im April 1945 befreite. Vergangenen Samstag feierte der Film in der Gedenkstätte Premiere. „In meinen Augen der angemessene Ort“, so der Holocaust-Überlebende und einer der Protagonisten des Films, Alex Moscovic.

Anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung im April 2010 hatte die Gedenkstätte Buchenwald alle heute noch lebenden Kinder und Jugendlichen von damals eingeladen. Für Filmproduzent Steve Moscovic, Alex‘ Sohn, war dieses Treffen der Auslöser für sein Projekt. Neben seinem Vater porträtiert er in dem Dokumentarfilm Naftali-Duro Furst, Pavel Kohn und Israel-Laszlo Lazar. Dabei folgt der Film nicht den üblichen Wegen der Zeitzeugengespräche, die ältere Menschen vor einem abgedunkelten Hintergrund quasi im Vakuum erzählen lassen und die Berichte mit möglichst harmlosen filmischen Zeugnissen der Zeit unterlegen.

Steve Moscovic wirft ein Blick auf das Leben der vier Buchenwald Boys, indem er ihnen selbst eine Kamera überlässt. So wählen sie den Zeitpunkt und den Ort, an dem sie die Kraft haben, über das Unfassbare zu sprechen. In anderen Interviewsequenzen wird ihre Persönlichkeit durch ungewöhnliche, feinsinnige Fragen beleuchtet. Historiker, weitere Zeitzeugen und Einblicke in die Dokumente der Verfolgung aus dem Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen ergänzen die Schilderungen der vier Hauptakteure. Aber auch die brutalen, von der US Armee nach der Befreiung eingefangenen Bilder aus dem Lager werden gezeigt.

So ergibt sich ein Gesamtporträt von enormer Aussagekraft über das Erlebte, die Gefühle, den Antrieb und die Überzeugungen der damaligen Kinder. Den Zuschauer stellt der Dokumentarfilm vor eine emotionale Herausforderung, ohne aufdringlich zu werden. Die Kamera bleibt durchaus stehen, wenn ein Zeitzeuge in Tränen ausbricht. Doch die Spannung wird auch wieder aufgefangen, etwa durch Szenen, in denen der Zuschauer die Achtzigjährigen beim Kofferpacken erleben darf. Die feinfühlige Auswahl und der Zusammenschnitt von Szenen und Bilder ist beeindruckend.

Ihr Überleben verdankten die jüdischen Kinder und Jugendlichen im KZ Buchenwald nicht zuletzt dem Schutz durch kommunistische Häftlinge in der Lagerverwaltung. Sie beschlossen, möglichst viele der jungen Menschen zu retten, die in den letzten Monaten des Krieges aus den Konzentrationslagern Osteuropas nach Buchenwald kamen. Mitte Januar 1945 richteten sie einen Zufluchtsort im "Kinderblock 66“ innerhalb des so genannten Kleinen Lagers ein - wohlwissend, dass sich die SS aus Angst vor einer Infektion kaum noch in diesen Bereich traute.

Die Rolle des kommunistischen Widerstandes würdigt der Film vor allem in der Person von Antonin Kalina, dem aus der Tschechoslowakei stammenden Blockältesten der Baracke 66. Er wies die Jugendlichen immer wieder darauf hin, ihre jüdische Herkunft zu leugnen. Die Lautsprecheraufrufe an alle Juden, auf dem Appellplatz zu erscheinen, von wo aus die Todesmärsche losgingen, befahl er zu ignorieren. Es waren diese kleinen, aber wirkungsvollen Schritte, die den Heranwachsenden das Leben retteten. „Ich hatte jede Hoffnung bereits verloren“, räumte Alex ein. „Aber Kalina gab sie mir zurück und damit auch den Glauben an Gott.“ Bei Yad Vashem haben die Filmschaffenden einen Antrag eingereicht, den zwischenzeitlich verstorbenen Kalina unter den „Gerechten der Völker“ aufzunehmen.

Bei ihrer Ankunft in Buchenwald hatten die Kinder bereits einen mehrjährigen Leidensweg von Ausgrenzung, Ghettoisierung, Zwangsarbeit und Lagerinhaftierung hinter sich. Sie konnten nur träumen von einer ausreichenden Mahlzeit oder gar einer Schulausbildung. Und dennoch gelang es den meisten von ihnen nach dem Krieg, weiter zu machen, zu lernen, Familien zu gründen. Auch davon erzählt der Film. „Damals war ich ein krankes Kind, heute bin ich mit meiner ganzen Familie gekommen“, sagte Furst nicht ohne Stolz anlässlich der Premiere.

Er war nach dem Ende des Krieges in seinen Heimatort Bratislawa zurückgekehrt. Seine Eltern hatten überlebt. „Das hat mir sehr geholfen, normal zu bleiben und mein Leben fortzuführen.“ 1949 wanderte Furst - wie auch Israel-Laslo Lazar zwei Jahre später - nach Israel aus, wo beide bis heute leben. Deutschland besuchte Fürst erstmals 2005. Seitdem kommt er immer wieder. „Ich muss berichten. Es wurden so viele Kinder ermordet, die heute keinen Mund mehr zum Sprechen haben.“ Kohn kehrte ebenfalls zunächst in seine Heimat, die Tschechoslowakei, zurück. Nach einem Berufsverbot ging er 1967 in die Bundesrepublik.

Alex Moscovic  wanderte in die USA aus, da er in seiner Heimat in Sobrance (heute Ungarn) 1945 kein bekanntes Gesicht mehr antraf. „Mein Vater hatte mit uns vereinbart, dass wir nach Hause zurückkehren und uns dort wiedersehen. Doch es kam niemand.“ Den Boden von Deutschland betrat Alex erstmals 1972 als Sportreporter der ABC für die olympischen Spiele und musste hier die Ermordung der israelischen Mannschaft miterleben. Seit dem Abschluss seiner beruflichen Karriere spricht er vor Schülern, „damit sie die Geschichte weitertragen und diese sich niemals wiederholt. Tikkun olam – Ich sehe es als meine Verantwortung an, die Welt möglichst in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als ich sie vorfand.“

Der Dokumentarfilm „Kinderblock 66“ ist für verschiedene Filmfestivals in den USA und Israel angemeldet. Produzent Steve Moscovic versucht darüber hinaus einen deutschen Fernsehsender zu finden, der den Film ins Deutsche bringt.

Foto: v.l.n.r. Steve Moscovic (Produzent), Alex Moscovic, Naftali Furst, Martin Pohl (Produzent)