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Fleckfieberversuche im KZ Natzweiler

Schicksale von Opfern medizinischer Versuche stehen im Fokus der Recherche von Professor Hans-Jürg Kuhn beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen. Besonders interessiert er sich für die Fleckfieberversuche an Häftlingen im KZ Natzweiler. „Ich möchte wissen, wie viele Häftlinge bei den Versuchen ums Lebens gekommen sind“, sagt Kuhn. „Der Suchdienst mit seinem enormen Umfang an Unterlagen ist dafür eine gute Quelle.“

Während des Krieges wurde Fleckfieber, auch Läusefleckfieber genannt, zu einem großen Problem. Schlechte hygienische Bedingungen sorgten für eine epidemieartige Ausbreitung. Zur Prüfung von möglichen Impfstoffen wurden von nationalsozialistischen Ärzten Menschenversuche an Häftlingen überwiegend im KZ Buchenwald, aber auch im KZ Natzweiler durchgeführt. Verantwortlich im KZ Natzweiler war dafür Eugen Haagen. Er wurde im Oktober 1941 Professor für Hygiene und Bakteriologie an der Universität Straßburg und zum Direktor des dortigen hygienischen Institutes. Zeitgleich wurde er Oberstabsarzt sowie Beratender Hygieniker des Luftflottenarztes Reich.

„Im November 1943 wurden 100 Sinti und Roma vom KZ Auschwitz ins das KZ Natzweiler überstellt“, berichtet der Professor. „Haagen wollte an ihnen die Wirksamkeit des von ihm entwickelten Fleckfieberimpfstoffs testen.“ Aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes starben 18 Häftlinge bereits auf dem Transport. „Die restlichen Häftlinge wurden nach weiteren ärztlichen Voruntersuchungen und weiteren Todesfällen als ‚zu stark geschwächt’ zurück nach Auschwitz geschickt,“ erzählt Kuhn. Im Dezember 1943 trafen 89 neue Opfer ein. „Haagen impfte 40 Menschen mit seinem Impfstoff und 40 nicht. Nach etwa zehn Tagen infizierte er alle mit einem abgeschwächten Erreger“, so Kuhn. Der Impfstoff erwies sich als wirkungsvoll. Ob er anderen damals getesteten und erprobten Impfstoffen überlegen war, bleibt ungeklärt. Zur von Haagen geplanten Produktion in Straßburg kam es so kurz vor der Befreiung des Elsass und dem Kriegsende nicht mehr. Nach dem Krieg erlosch das Forschungsinteresse am Fleckfieber, weil durch die Einführung eines Insektizids dem Überträger, der Kleiderlaus, erstmals auch unter schlechten hygienischen Bedingungen wirkungsvoll beizukommen war.

Opfer der Versuche sind vor allem die 40 nicht geimpften aber dennoch infizierten Versuchspersonen, die an einer absichtlich erzeugten schweren Erkrankung leiden mussten. Die genaue Anzahl von Todesopfern, aufgrund der Versuche, ist bisher nicht bekannt. Oft ist auf den Listen beim ITS vermerkt, dass die Häftlinge bei der Evakuierung des KZ Natzweiler im September 1944 nach Dachau oder Neckarelz überstellt wurden. „Ein Indiz dafür, dass die Mehrzahl die Versuche überlebt hat. Bislang ist die Rede von keinem bis zu von 50 Todesopfern. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen“, so der Heidelberger.