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Fluchtversuche von Deportierten

Für ihre Dissertation hat Tanja von Fransecky vier Tage beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen Akten eingesehen. Die vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin unterstützte Historikerin recherchiert zu dem Thema „Fluchten und Fluchtversuche jüdischer Deportierter aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden“. „Aus den Dokumenten beim Suchdienst konnte ich ergänzende Informationen zu den Schicksalen der Deportierten sowie zum Ablauf der Transporte entnehmen“, freut sich Fransecky.

Die 41-Jährige hat für ihre Arbeit bereits einige Archive und Gedenkstätten im In- und Ausland besucht. „Der ITS ist eine meiner letzten Stationen“, berichtet Fransecky. „Trotzdem konnte ich noch neue Erkenntnisse gewinnen.“ So hat sie unter anderem Korrespondenzen bezüglich der Begleitkommandos von Deportationszügen recherchieren können. „Die Deportationen aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden wurden nicht, wie oft vermutet von der SS oder der Gestapo begleitet, sondern von der Ordnungspolizei“, erklärt sie. „In einem Schreiben geht es um eine Abstellung von einem Polizeimeister und 20 Schutzpolizisten aus Stuttgart, die den Transport von Paris nach Auschwitz am 7. Oktober 1943 durchgängig begleiten sollten, was ein Abrücken von der gängigen Praxis des Kommandoaustausches an der Reichsgrenze bedeutete.“ Jede Information sammelt die Historikerin und setzt sie wie ein Puzzle zusammen.

Zu Beginn ihrer Arbeit schaltete sie Suchanzeigen nach Zeitzeugen und nahm Kontakt zu Opferverbänden und Archiven auf. Dadurch wurde die Liste der Namen, die während eines Transports geflüchtet sind, immer größer. „Mir sind nun rund 700 jüdische Schicksale bekannt, die den oft tödlichen Sprung gewagt haben.“ Viele Informationen erhielt Fransecky aus Gesprächen mit Zeitzeugen. So zum Beispiel, dass es in den einzelnen Wagons zu handfesten Auseinandersetzung kam, wenn von Flucht die Rede war. Hatten die Begleitkommandos doch bei der Abfahrt gedroht, dass wenn am Ende des Transports wer fehlt, der ganze Wagon ermordet wird. „Doch bei den meisten, die den Sprung gewagt haben, war der Wille zu groß“, sagt die Wahlberlinerin. „Ich weiß von einer zierlichen Krankenschwester, die zusammen mit einem Arzt, in den Wagon der Kranken gesperrt wurde. Sie sollte helfen, aber wie ohne Lebensmittel und Medikamente?! Sie schlug den Arzt, der sie an der Flucht hindern wollte, nieder und sprang aus dem Zug, um sich wieder ihrer Widerstandsgruppe in Belgien anzuschließen.“

Das Wissen um die Vernichtung in den Konzentrationslagern steigerte den Drang der Verfolgten zu flüchten. „Die Wagons waren teilweise so marode, dass eine Flucht möglich war. Auch haben einige Opfer diverse Hilfsmittel in die Züge eingeschleust.“ Die Dunkelheit der Nacht während der Fahrt in den Osten bot sich an, um zu flüchten und sich zu verstecken. „Viele waren vor ihrem Abtransport in Widerstandsgruppen tätig. Hin und wieder lagen daher schon gefälschte Papiere für ein Leben nach der Flucht bereit.“

Beim ITS hat Fransecky nach rund 200 Männer und Frauen recherchiert, etliche Akten eingesehen und vor allem biografische Daten abgeglichen und ergänzt. „Es war gut, zum Ende meiner Recherchearbeit nach Arolsen zu reisen. So konnte ich noch biographische Daten einiger Verfolgter vervollständigen.“