a A

Forschergruppe aus Estland beim ITS

Recherche zu estnischen Opfern der NS-Verfolgung.

Forschungen für eine Datenbank zu Esten, die während der deutschen Besatzung deportiert wurden, haben zwei wissenschaftliche Mitarbeiter vom Estnischen Institut für das historische Gedächtnis und einen Forscher der Universität Tartu zum International Tracing Service (ITS) nach Bad Arolsen geführt. Zwei Wochen sind die Gäste mithilfe der Dokumentation im ITS rund 4000 Schicksalen nachgegangen. „Die Ergebnisse unserer Arbeit sollen künftig online zur Verfügung gestellt werden, um die Kenntnisse über die Zeit der deutschen Besatzung stärker im öffentlichen Bewusstsein in Estland zu verankern und weitere Forschungen anzustoßen“, sagt Eli Pilve, wissenschaftliche Mitarbeiterin des estnischen Instituts.

In Kooperation dieser beiden Stellen in Tartu sowie dem Nationalarchiv Estlands arbeiten die Besucher an einem Forschungsprojekt zum weiteren Schicksal und Verbleib der während der NS-Zeit verschleppten Esten. „Dank der Dokumente in Arolsen konnten wir schon einige Erkenntnisse gewinnen. Beispielsweise konnten wir das bisher unbekannte Schicksal des Chefs der kommunistischen Partei, Karl Säre, klären“, so Argo Kuusik vom Estnischen Institut für das historische Gedächtnis. „Durch unsere Recherchen im ITS wissen wir, dass er wenige Tage vor der Befreiung im Konzentrationslager Neuengamme starb.“

Die deutsche Wehrmacht besetzte 1941 im Zuge des Krieges gegen die Sowjetunion das Baltikum. Die deutschen Truppen errichteten dort ein Terrorregime gegen angebliche sowjetische Kollaborateure, Gegner des deutschen Besatzungsregimes, Juden, Roma und andere Gruppen. Mit ihren Forschungen zu den Deportationen und der Datenbank leisten die drei Forscher Pionierarbeit in Estland. „In unserem Land ist die Zeit der deutschen Besatzung im Vergleich zur sowjetischen Besatzung weniger erforscht. Wir wissen kaum etwas über die Deportierungen und was aus den Verfolgten geworden ist“, erklärt Viljar Valder von der Universität in Tartu.

Ein zukünftiges Forschungsprojekt der Gruppe soll sich vor allem mit dem Schicksal der nach Deutschland verschleppten Esten nach 1945 beschäftigen. Unter den überlebenden und befreiten Esten waren viele, die sich den deutschen Besatzern auf ihrem Rückzug vor der Roten Armee angeschlossen hatten und dann als Displaced Persons (DP) in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands gestrandet waren. Wenige kehrten zurück in die frühere Heimat, sehr viele wanderten dagegen aus und verließen Europa. Da der ITS über DPs und deren Emigration umfangreiche Bestände verwahrt, stand für die Besucher am Ende der zwei Wochen fest "Wir wollen auf jeden Fall so bald wie möglich wieder kommen".