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Forschungsprojekt zu medizinischen Versuchen

Medizinische Menschenversuche während der Zeit des Nationalsozialismus sind das Forschungsgebiet der Historikerin Anna von Villiez, das sie Mitte August für eine Woche zum Internationalen Suchdienst (ITS) nach Bad Arolsen führte. „Der ITS ist eine große, wenn nicht die Hauptquelle für meine jetzige Forschungsarbeit“, so von Villliez. „Ich habe zunächst das Material beim ITS gesichtet, um einen Überblick zu bekommen.“

Die Hamburger Historikerin nimmt Teil an einem Forschungsprojekt der Oxford Brookes University. Die Universität will eine Datenbank zu medizinischen Menschenversuchen während der Nazizeit aufbauen. Diese soll neben der strukturellen Darstellung der Experimente auch die Namen und Biografien der Opfer umfassen. Zurzeit enthält die Datenbank knapp 2800 Einträge. „Die Angaben zur Gesamtzahl der Opfer variieren in der Geschichtsforschung noch stark. Auch die Nationalität und Überlebensrate sind weitgehend unbekannt“, sagte von Villiez.

Fünf Wissenschaftler aus vier Staaten sind unter der Leitung von Prof. Paul Weindling in das Projekt an der Oxforder Universität eingebunden, das zunächst für drei Jahre veranschlagt ist von Anfang Oktober 2007 bis Ende September 2010. Die Hamburgerin hat die Projektkoordination und die Auswertung der deutschen Quellen übernommen. Beim ITS sichtet von Villiez Kopien aus der Zeit des Naziregimes. Ihr Interesse gilt auch den Aufstellungen, die der ITS in der Nachkriegszeit selbst zu medizinischen Menschenversuchen in Konzentrationslagern angefertigt hat.

Die menschenverachtenden Experimente waren teilweise militärisch motiviert, um die Ausfälle bei den deutschen Soldaten gering zu halten. „Im Mittelpunkt standen Infektionskrankheiten, wie Malaria oder Fleckfieber, sowie Wundinfektionen“, berichtete von Villiez. Die Versuche dienten aber auch der von den Nationalsozialisten als Wissenschaft etablierten „Rassenforschung“. Die 33-jährige Forscherin interessiert sich für die Fragen, inwieweit die deutsche Medizin involviert war, welche Verknüpfungen es zum Gesundheitssystem gab und in welchem Maße die Pharmaindustrie sich beteiligte. Die brutalsten Auswüchse gab es nach Auffassung der Historikerin bei Versuchen, die ehrgeizige SS-Ärzte in Eigenregie ausführten. „Sie waren häufig nicht sonderlich gut ausgebildet und wollten sich profilieren. Dies führte dann zu besonders hohen Opferzahlen.“

Ihre Nachforschungen führen die Wissenschaftler der Oxford Bookes University quer durch Europa sowie nach Israel und in die USA. „Die Arbeit in einer internationalen Forschungsgruppe ist spannend“, sagte von Villiez. „Ich empfinde die Perspektive von Historikern anderer Länder auf unsere deutsche Geschichte zugleich als Bereicherung und Herausforderung.“ Beim ITS wird ihre Recherche durch die noch fehlenden Findmittel und Kataloge erschwert. „Der bisherige Denkansatz eines Suchdienstes ist ein anderer als der eines wissenschaftlichen Archivs“, so die Historikerin. „Von daher ist die Forschungsarbeit zeitaufwendig. Die Mitarbeiter sind jedoch sehr hilfsbereit.“

Mehr Informationen zum Projekt der Oxford Brookes University finden Sie im Internet unter: ah.brookes.ac.uk/research/project/vhens