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Geboren im Lebensborn-Heim "Pommern"

Brigitte Kolberg wurde im Lebensborn-Heim „Pommern“ in Bad Polzin geboren. Erst als sie 16 Jahre alt war, erfuhr sie den Namen ihres Vaters. „Seitdem bin ich immer wieder auf der Suche nach meinen Wurzeln und Informationen zum ‚Lebensborn e.V.‘“, sagt die 71-Jährige. Mitte November hat sie vier Tage Unterlagen beim Internationalen Suchdienst (ITS) zu den Heimen in Bad Polzin und Stettin eingesehen.

„Ich habe immer nachgefragt, wo mein Vater ist“, erinnert sich Brigitte. „Doch für meine Mutter war dies ein Tabuthema.“ Erst als Brigittes Mutter stirbt, entdeckt sie im Nachlass ihre Geburtsurkunde, Korrespondenz mit dem „Lebensborn e.V.“ sowie Bescheinigungen darüber, dass ihr Vater zunächst die Vaterschaft nicht anerkannt hatte, aber „Dank“ der Regelung durch den „Lebensborn e.V.“ Unterhalt für sie zahlte. „Endlich hatte ich den Namen meines Vaters: Franz Heidemann.“ Der Wunsch ihn kennen zu lernen, war bei Brigitte so groß geworden, dass sie einige Tage später in Lüneburg direkt bei ihm vor der Tür stand. „Ich sah meinem Vater so ähnlich, er erkannte mich sofort.“

Dass die Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter schlecht war, bezieht Brigitte auf die Ähnlichkeit zu ihrem Vater. „An dem Tag, an dem meine Mutter erfuhr, dass sie schwanger ist, stand eine Verlobungsanzeige von meinem Vater mit einer anderen Frau in der Zeitung. Das muss für sie ein Schock gewesen sein“, vermutet Brigitte. „Meine Eltern waren jahrelang befreundet und kannten sich durch die Arbeit bei der Wehrmacht. Vielleicht hatte sich meine Mutter mehr erhofft.“

Da die ledige Elfriede Mitglied der NSDAP war, fand sie Zuflucht beim „Lebensborn e.V.“. Dieser war in der Zeit des Nationalsozialismus ein von der SS getragener Verein. Sein Ziel war die Erhöhung der Geburtenrate „arischer“ Kinder und die Verhinderung von Abtreibungen unehelicher Kinder. War die Aufnahme bewilligt, konnte die Frau die Zeit der Schwangerschaft bis einige Wochen nach der Geburt des Kindes in einem Heim des „Lebensborn e. V.“ zubringen. „Ich bin im Dezember 1939 in Bad Polzin geboren“, berichtet sie. „Mitte 1940 ging meine Mutter mit mir in das Kriegsmütterheim nach Stettin. Dort wurde ich tagsüber betreut und meine Mutter arbeitete wieder für die Wehrmacht.“

Auf das Thema „Lebensborn e.V.“ stieß Brigitte erstmals während ihres Praktikums im Kinderkrankenhaus und Entbindungsheim in Steinhöring, nicht ahnend, dass dieses Krankenhaus das erste „Lebensbornheim“ war. Die Skulptur „Mutter und Kind“ auf dem Gartengelände war noch ein Zeuge dieser Vergangenheit. Von diesem Zeitpunkt an war das Interesse geweckt. „Da ich nach dem Tod meiner Mutter, meiner Großeltern und meines Vaters keine Familie mehr hatte, musste ich andere Wege finden, Details über meine Kindheit herauszufinden.“ Die Nachforschungen wurden über die Jahre öfters unterbrochen, aber sobald Dokumentarbeiträge ausgestrahlt oder Bücher neu zu dem Thema aufgelegt wurden, ging die Suche intensiv weiter.

Durch ihre jahrelangen Recherchen versucht Brigitte zu verstehen, was damals passierte. Die Unterlagen beim ITS zu den verschiedenen Heimen helfen ihr, die damalige Atmosphäre in den Heimen nachzuvollziehen. „Ich will die Hintergründe kennen, eintauchen in die Zeit, verstehen, warum so viele Frauen dieser Ideologie folgten.“ Während ihrer jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Thema hat sie andere Lebensborn-Kinder kennen gelernt. „Der Austausch untereinander ist wichtig“, unterstreicht sie. „Und das Aufklären der jungen Generationen.“