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Geboren in Heimen des „Lebensborn“

Der Schatten der Vergangenheit verfolgt die Kinder des „Lebensborn“. Das Schweigen der Mütter, die Suche nach der eigenen Identität und die Mythen um den von der SS getragenen Verein beschäftigen die Betroffenen bis heute. Ingeborg Schinke, Astrid Eggers und Elke Sauer kamen Mitte Mai zur Eröffnung der Ausstellung „Der Lebensborn e.V.“ zum Internationalen Suchdienst (ITS) nach Bad Arolsen.

Ingeborg Schinke wurde 1940 als uneheliches Kind im „Lebensborn“-Heim Wernigerode im Harz geboren. Bis zu ihrem 6. Lebensjahr war sie in einer Pflegefamilie untergebracht, an deren Namen sie sich nicht mehr erinnern kann. Ziel des Vereins „Lebensborn“ war die Steigerung der Geburtenrate von Kindern „wertvollen Blutes“. Er ermöglichte auch anonyme Geburten unehelicher Kinder, die wie in diesem Fall häufig zur Adoption freigegeben wurden.

Nach dem Krieg wurde Schinke von ihrer leiblichen Mutter aus der Pflegefamilie zurückgeholt. Der Krieg und das Nazi-Regime waren vorbei und damit auch die Idee des „Lebensborn“. „Doch meine Mutter konnte nicht loslassen. Das Leben bei ihr war ein Martyrium“, sagt Schinke. „Ich war ein ungewolltes Kind. Sie hat es mir in jeder Beziehung schwer gemacht.“ Laut Nazi-Ideologie sollten die Kinder des „Lebensborn“ einmal die Elite aus blonden, blauäugigen und kräftigen Jugendlichen stellen. Jede Zuneigung galt bereits als Verhätschelung. „Doch was sollte wohl aus diesen gebrochenen Kinderseelen werden“, fragt Schinke.

Immer spürte sie die Sehnsucht, mehr über ihren leiblichen Vater zu erfahren. Die Suche nach ihm erwies sich als schwierig. Schinke hatte nur einen Namen und dieser tauchte in den Archiven 20 Mal auf. „Die Verschwiegenheit des ‚Lebensborn’ wurde in die Familie transportiert. Es war nicht leicht, damit umzugehen“, schildert Schinke. Ihr Vater Erich Schramm kam beim Russland-Feldzug im August 1941 ums Leben, fand sie nach jahrelangen Recherchen heraus. „An dem Jahrestag seines Todes habe ich später geheiratet. Irgendwie hat er immer eine Rolle in meinem Leben gespielt, auch wenn er nicht da war.“

Heute möchte Schinke anderen ein Vorbild sein, Liebe und Geborgenheit geben. „Ich fühle mich für meine beiden Kinder und meine Enkel verantwortlich“, versichert die 69-Jährige. Und sie will reden über das, was ihr widerfahren ist. „Wir müssen das Thema aus der Verschwiegenheit herausholen, damit es nicht wieder passiert. Man darf Kinder nicht einfach wegwerfen.“

Auch Astrid Eggers kam als uneheliches Kind in einem Lebensborn-Heim zur Welt, 1943 im „Wienerwald“ bei Pernitz. „Die Geburt ist der einzig feste Punkt in meinem Leben. Alles andere ist eine Lüge“, sagt sie. Mit fünfeinhalb Jahren kehrte sie zu ihrer Mutter zurück. „Ich war ihre Marionette. Meine Mutter hat mich nicht erzogen, sondern dressiert.“ Als überzeugte Nationalsozialistin, die bei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) gearbeitet hatte, folgte diese gnadenlosen Erziehungsidealen. „Nicht mal mein Stiefvater durfte nett zu mir sein“, erinnert sich Eggers.

Als sie heiraten wollte, begannen für Eggers die Probleme mit ihrer Herkunft. „Ich hatte weder eine Geburtsurkunde noch einen Taufschein. Meine Mutter hat mich nur belogen. Angeblich wurde ich in Lodz geboren, dann wieder in Wien“, berichtet sie. Eine Geburtsurkunde wurde schließlich aufgrund einer eidesstattlichen Versicherung ihrer Mutter ausgestellt. Die Taufe musste Eggers nachholen. Im „Lebensborn“ war kein Raum für Religion, sondern nur für den Führerkult. Hier gab es eine so genannte Namengebungsfeier.

Der Weg zur Hochzeit war mit den neuen Papieren schließlich frei, doch das verlorene Ich kann Eggers niemand zurückgeben. Über ihren Vater erfuhr sie nur, dass er bei der Luftwaffe war und von einem Einsatz nicht zurückkehrte. „Ich musste mir alles mühselig zusammensuchen. Entweder hat meine Mutter geschwiegen oder gelogen.“ Als einen Akt der Befreiung empfand Eggers im Jahr 2000 die Reise nach Pernitz. „Ein tolles Gefühl zu wissen, wo ich geboren wurde.“

Im Heim „Wienerwald“ wurde 1941 auch Elke Sauer als uneheliches Kind geboren. Sie wuchs gemeinsam mit ihrer Schwester bei der leiblichen Mutter auf und verlebte nach ihren Worten eine glückliche Kindheit. „Ich habe erst auf der Straße erfahren, dass ich ein Bastard bin.“ Ihr Vater sei gefallen, hatte die Mutter den kleinen Mädchen stets erzählt. „Die Lüge zog sich durch bis in meine Jugend“, so Sauer.

Erst nach dem Tod ihrer Mutter erfuhr sie, wer ihr Vater war. Er hatte zunächst nicht weit von der Familie entfernt gelebt und ist 1950 dann nach Kanada ausgewandert. Ein Schock für Sauer. „Das habe ich meiner Mutter nicht verzeihen können. Ich hatte immer das Gefühl, den falschen Namen zu tragen.“ Irgendwann fasste sie den Mut, nach Kanada zu fliegen. Doch vier Tage vor ihrer Ankunft verstarb der Vater. Die Halbgeschwister, die die Geschichte nicht fassen konnten, haben bis heute kein Interesse an einem Kontakt zu Sauer.

Etwa 8000 Kinder kamen in den deutschen „Lebensborn“-Heimen zur Welt. Die wenigsten reden über ihre Herkunft, so manche werden nie etwas darüber erfahren. Unterstützung bietet der Verein „Lebensspuren“ - eine Interessengemeinschaft von Lebensbornkindern. „Die Betroffenen wissen häufig nicht, wie sie mit den Traumata umgehen sollen“, weiß Schinke. „Deshalb ist es gut, wenn wir den Kontakt untereinander pflegen.“