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Gedenkbuch zur Verfolgung von Slowenen in der Region Kärnten

Anfang Juli hat Brigitte Entner vom Slowenischen Wissenschaftlichen Institut in Klagenfurt beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen recherchiert. Bei ihrem Besuch beschäftigte sie sich mit Schicksalen von slowenischen Opfern in der Region Kärnten während der nationalsozialistischen Verfolgung. „Ich bin anfangs von zirka 300 Todesopfern ausgegangen“, berichtet Entner. „Mittlerweile konnte ich über 500 Männer, Frauen und Kinder recherchieren, die dem NS-Terror zum Opfer gefallen sind.“

Die Verfolgung der slowenischen Minderheit in Kärnten sowie deren Widerstand sei bisher wenig erforscht, erzählt die Historikerin. Ein Gedenkbuch soll nun an die Opfer erinnern und über die Ereignisse in der Zeit von 1938 bis 1945 berichten. „Beim ITS konnte ich zahlreiche Daten vervollständigen“, so Entner. „Ich wusste beispielsweise, dass über 200 Personen in Konzentrationslager deportiert wurden, aber in welche und wann war mir in vielen Fällen unbekannt.“

Um 1900 gab ein Viertel der Gesamtkärntner Bevölkerung Slowenisch als Muttersprache an. Im Staatsvertrag von 1919 waren der Minderheit eine völlige Gleichstellung garantiert und das Recht auf Verwendung der Muttersprache zugebilligt. Doch bereits ab 1920 wurden sie mit massiven Assimilierungsbestrebungen konfrontiert. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 war dies für die Entnationalisierungspolitik des NS-Regimes fruchtbarer Boden. „Die erste größere Verhaftungswelle von Kärntner Slowenen erfolgte nach dem Angriff auf Jugoslawien im April 1941“, so die Historikerin. „Zahlreiche Menschen wurden in KZs überstellt, Priester sowie Lehrer als nationale, intellektuelle Eliten in deutschsprachige Gebiete versetzt.“

Ein Jahr später begann die Aussiedlung von ganzen Familien aus Kärnten. Innerhalb von zwei Tagen wurden 1.075 Personen ohne Vorankündigung von ihrem zu Hause vertrieben, in eigenen Lagern, großteils im Raum Nürnberg, interniert und zur Zwangsarbeit eingesetzt. „Diese brutalen Vorgehensweisen entfachten Protest und Widerstand in der bisher loyalen slowenischen Bevölkerung“, weiß Entner. „Aus dem bis dahin eher unorganisierten Widerstand entwickelte sich nach und nach der aktive Kampf gegen die Okkupanten.“ Im Herbst/Winter 1942-43 erfuhren die Kärntner Widerstandskämpfer eine erneute Verhaftungswelle. Die Gefassten wurden häufig in Lager überstellt. Im April 1943 wurden zwölf Männer und eine Frau zum Tode verurteilt und wenige Tage nach dem Urteil hingerichtet.

„Besonders berührend war für mich, dass ich im Archiv des ITS endlich das Schicksal von Jože Kokot genauer nachvollziehen konnte“, so die Österreicherin. Der 18-jährige Kokot war im April 1942 mit seinen Eltern und acht jüngeren Geschwistern erst in ein Lager nach Rehnitz bei Glasow, dann nach Rastatt deportiert worden. Im Frühjahr 1944 wurde Kokot in Ettlingen, wo er Zwangsarbeit leisten musste, von der Arbeitsstelle weg verhaftet. Vermutlich hatte er mit russischen Zwangsarbeitern kooperiert.

Im Mai 1944 wurde er in das KZ Mauthausen eingewiesen und dort erhängt. „Es war“, so Entner, „eine grauenhaft inszenierte Massenhinrichtung. Am 25. September wurden ab 7 Uhr morgens bis um halb sieben abends im Fünf-Minuten-Takt 137 Männer gehängt. Jože Kokot wurde um 16.30 Uhr ermordet.“ Die Eltern von Jože blieben bis 1953 über das Schicksal ihres ältesten Sohns im Ungewissen, wie der jüngste Bruder Andrej Kokot in seinen literarischen Erinnerungen berichtet.