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Gemeinsames Seminar für Pädagogen von Yad Vashem und ITS in Bad Arolsen

Ende Oktober 2011 haben zehn Pädagogen, die in Israel in den vergangenen Jahren ein Seminar der International School for Holocaust Studies von Yad Vashem absolviert hatten, nun den Internationalen Suchdienst (ITS) besucht. Das in Bad Arolsen veranstaltete Seminar ist eine Kooperation zwischen dem ITS und Yad Vashem. Während der drei Tage ging es mit Hilfe der Dokumente im Archiv des ITS um die vertiefende Recherche und den Entwurf von Unterrichtseinheiten. Ein übergreifendes Thema war der Holocaust, aber auch die Dokumentenlage zur Zwangsarbeit sowie die rassistische Organisation des "Lebensborn" wurden diskutiert. „Die Masse an Unterlagen und die Fülle menschlicher Schicksale ist überwältigend und erschütternd zugleich“, sagte die Diplom-Religionspädagogin Cornelia Opitz aus Schechen. „Ich kann gar nicht mehr aufhören zu recherchieren.“

Die Seminarteilnehmer aus Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz haben sich mit Unterlagen zur Arisierung, zu den Deportationen, dem KZ-System, den Todesmärschen, der Ausbeutung durch Zwangsarbeit und den Überlebenden beschäftigt. Sie waren sich einig, dass das Archiv des ITS eine wertvolle Quelle sowohl für die Forschung als auch für die Pädagogik und Lehrerfortbildung sei. „Jeder hat von dem Seminar profitiert“, findet Arno Brändle aus Liechtenstein. „Beim ITS können wir in verschiedene Richtungen aktiv werden. Wir sollten ein Netzwerk schaffen, indem wir uns austauschen und das fortsetzen, was wir in den vergangenen Tagen angefangen haben.“

Mit dem Seminar hat die deutschsprachige Abteilung der International School for Holocaust Studies in Yad Vashem eine Serie von Vertiefungsseminaren im deutschsprachigen Raum eröffnet, die jährlich an wechselnden Gedenk- und Lernorten stattfinden sollen. „Der ITS war sozusagen das Pilotprojekt“, sagte Dr. Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung beim ITS. Die Teilnehmer hatten bereits ein Fortbildungsseminar zur Vermittlung des Themas Holocaust in Israel belegt. „Jetzt konnten sie das faszinierend vielschichtige Archiv des ITS in Bad Arolsen kennenlernen und werden es künftig für ihre pädagogische Arbeit nutzen“, so Dr. Noa Mkayton, Leiterin für den deutschsprachigen Bereich an der International School for Holocaust Studies Yad Vashem.

Erste konkrete Ideen sind bereits entstanden. „Dieses Archiv bietet mehr Material für den Unterricht als wir in einem Lehrerleben verarbeiten können“, äußerte Matthias Schickel, Geschichtslehrer am Katharinen-Gymnasium Ingolstadt. Zusammen mit seinem Kollegen Alexander Schöner hat er Dokumente zu Zwangsarbeitern und Displaced Persons im Raum Ingolstadt gesichtet und will diese in den Unterricht mit einbauen. „Den Zugang zur nationalsozialistischen Geschichte erreichen wir nach über 60 Jahren Kriegsende nicht über Faktenwissen aus den Geschichtsbüchern“, meint Schöner. „Wir müssen einen Lokalbezug herstellen.“

Gut findet der Lehrer auch den Ansatz von Yad Vashem, die zwölf Jahre der Verfolgung unter dem Nationalsozialismus nicht als isoliertes Ereignis zu betrachten, sondern das jüdische Leben, die Kultur und das Miteinander im Ganzen mit einzubeziehen. „Die Originaldokumente zeigen, wie die Ideologien des NS-Regimes gefruchtet haben“, stellt Schöner fest. „Schüler sollen daraus erkennen, wie Menschen handeln und manipuliert werden können, aber auch welche Wahl ein jeder hat.“

Ausgrenzung, Anfeindungen und Antisemitismus ließen sich durch Aufklärung und die Erziehung zur Toleranz vermeiden, meinte Klaus Warmuth, Berufschullehrer aus Rimpar. Während seiner Recherche stieß er auf den Leidensweg eines österreichischen Juden, der von verschiedenen Orten ausgewiesen wurde, seine Familie verlor und eine neue Heimat suchte. Anhand eines solchen Einzelschicksals will er den Schülern vor Augen führen, wie Juden während der NS-Zeit in ihrer Heimat als „Fremde“ abgestempelt und deportiert wurden. „Der Anteil an ethnischen Kleingruppen ist in einigen unserer Klassen sehr hoch“, berichtet der Berufschullehrer. „Sie wissen, wie es ist, selbst ein ‚Fremder‘ zu sein.“

Sebastian Schönemann und Elisabeth Schwabauer aus dem pädagogischen Team des ITS sind genauso zufrieden mit der Resonanz wie ITS-Historikerin Urban und Deborah Hartmann von Yad Vashem. Es gibt nun Überlegungen, solche Seminare jährlich anzubieten, doch noch sind die beiden Institutionen in der Diskussionsphase. Trotzdem waren sich Hartmann und Urban einig: „Wenn wir konkret weiterarbeiten und uns über Ergebnisse austauschen, können wir alle davon profitieren.“