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Geschichte zum Anfassen – Schülerprojekt Wolfhagen

Die Geschichtswerkstatt „Das Terrorsystem des Nationalsozialismus – die Schicksale der Opfer“ aus einer Gruppe von 16 Schülern der Filchner-Gesamtschule Wolfhagen hat diese Woche erste Ergebnisse ihrer Recherchen vorstellen können. Im Herbst 2010 hatten die Schüler der 10. und 11. Klasse zweimal im Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) recherchiert. „Diese Arbeit war prägend für die Schüler. Hier haben sie Geschichte zum Anfassen erlebt“, sagte Lehrer und Projektbetreuer Marcus von der Straten.

Themenfelder der Geschichtswerkstatt sind die Organisation des NS-Terrorsystems und der Konzentrationslager, die Zwangsarbeit in Nordhessen sowie Opfer der Verfolgung und Displaced Persons in der Region von Wolfhagen. Die Arbeitsgruppe von Michelle Daubert, Jenny Iwanow und Irina Winkinstern hat beispielsweise die Geschichte der jüdischen Familie Möllerich recherchiert, die bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine Gemischtwarenhandlung in Wolfhagen führte.

Der Großteil der Familie ging zunächst nach Hamburg, um der Verfolgung in der Großstadt weniger direkt ausgesetzt zu sein. 1941 folgte die Deportation der Familie nach Lodz. Nur Rolf Möllerich hatte das Glück, dank eines der Kindertransporte nach England der Vernichtungspolitik zu entgehen. „Jahrzehnte später, nachdem ihn sein Sohn zu einer Reise nach Wolfhagen überredet hatte, versöhnte er sich mit dem Ort. Von da an kam er jedes Jahr auf Besuch vorbei“, erzählten die Schüler.

Lisa-Marie Ernst, Marius Paul Meyer, Maurice Paar und Lisa Spangenberg berichteten von dem Schicksal des ukrainischen Zwangsarbeiters Nikola Bilik, der wegen des „unerlaubten Verlassens der Arbeitsstelle“ in Wolfhagen verhaftet und von dort aus ins Gefängnis von Kassel eingewiesen wurde. Er überlebte und wanderte nach dem Ende des Krieges in die USA aus. „Es ist gut, dass die Schüler so viel Engagement, Zeit und Empathie aufbringen für dieses Thema“, freute sich Dr. Susanne Urban, Leiterin Bereich Forschung beim ITS. „Die Verbindung mit menschlichen Schicksalen ist in der Pädagogik von großer Bedeutung.“

Als nächste Schritte sollen die Ergebnisse der Recherchen verfeinert und in einem einheitlichen Layout zusammengeführt werden. Zudem sind Exkursionen in die Gedenkstätten Breitenau und Mittelbau-Dora geplant, um sich ein Bild von den Stätten der Verfolgung zu machen. „Aus dem regulären Unterricht haben die Schüler bereits ein erstes Halbwissen mitgebracht, das dank der Projektarbeit jetzt konkreter und anschaulicher wird“, sagte von der Straten.

Gerade der Bezug zur Region helfe den Schülern, eine Beziehung zur Geschichte aufzubauen. „So haben sich die Schüler etwa auch mit ihren Verwandten ausgetauscht und auf diese Weise ist die eine oder andere Begebenheit wieder aufgetaucht, sei es die brach liegende Geschichte der Munitionsfabrik in Wolfhagen oder die der zerstörten Synagoge, an deren Stelle heute eine Drogeriemarkt steht.“ Die Resultate der Geschichtswerkstatt sollen in eine Ausstellung einfließen, die in der Filchner-Gesamtschule Wolfhagen zu sehen sein wird.