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„Großer Sprung nach vorne“

Die Verfolgung von Homosexuellen während der NS-Zeit ist das Thema, mit dem sich Autor Rainer Hoffschildt seit über 20 Jahren ehrenamtlich beschäftigt. Jetzt will er seine umfangreiche Sammlung mit Hilfe des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen vervollständigen. „Über die Gruppe mit dem rosa Winkel ist bisher wenig recherchiert worden“, erläutert der Hannoveraner.

Homosexuelle wurde von den Nationalsozialisten systematisch verfolgt, wobei vor allem Schwule zu den Opfern zählten. Über 100.000 Männer wurden polizeilich erfasst, 50.000 Urteile ergingen aufgrund des 1935 erheblich verschärften Strafrechtsparagraphen 175. Schätzungen zufolge verschleppten die Nazis 10.000 bis 15.000 Homosexuelle in Konzentrationslager. 53 Prozent der Betroffenen, die an ihrer Häftlingskleidung einen rosa Winkel tragen mussten, kamen ums Leben.

Hoffschildt selbst hat über 10.000 Schicksale in den vergangenen Jahren zusammengetragen. Seine bisherigen Erkenntnisse gewann er in verschiedenen Archiven, unter anderem in Yad Vashem. „Unter den von mir recherchierten Fällen waren 3000 in Konzentrationslagern inhaftiert“, berichtet der Forscher. „Bei rund 1000 fehlen mir Informationen, was aus ihnen geworden ist.“ Diese Lücke will Hoffschildt nun mit Hilfe der ITS-Dokumente schließen.

Unterstützt wird der 60-Jährige bei seinen Recherchen durch Hobbyforscher Wilhelm Grimm und Christian Alexander Wäldner, der seinen Bachelor im Bereich Geschichte absolviert hat. „Wir waren schon sehr erfolgreich. Ungefähr bei einem Drittel der 1000 Häftlinge haben wir Angaben gefunden“, freut sich Hoffschildt. So zum Beispiel bei Georg Behrens aus Hannover, der 1938 verhaftet wurde. „Beim ITS konnte ich ermitteln, dass er 1942 im KZ Groß Rosen verstorben ist. Dieses Wissen fehlte uns bislang.“ Von einem weiteren Fall weiß Wäldner zu berichten. „Johann Kurz aus Schnäpfenreuth war inhaftiert in Sachsenhausen. Soeben habe ich Informationen gefunden, dass er auch in Natzweiler und Dachau war.“ Kurz überlebte den Nazi-Terror und wurde am 23. Mai 1944 aus dem KZ entlassen.

Die drei Forscher haben sich zahlreiche Notizen gemacht und Dokumente ausgedruckt. Die genaue Auswertung wollen sie dann in Hannover vornehmen. Hoffschildt hat in seiner Heimatstadt den „Verein zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen“ gegründet. Finanziell unterstützt wird dieser von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. „Wir bekommen Anfragen von Gedenkstätten und setzen uns für die Verlegung von Stolpersteinen ein. Ich habe auch schon ein Buch über meine Nachforschungen veröffentlicht“, so der Autor. „Aktuell sammle ich speziell Informationen zu Verfolgten aus Hannover für eine Ausstellung der Geschichte der Homosexuellen im dortigen Historischen Museum.“

Aufgrund der Masse an zu prüfenden Namen plant Hoffschild weitere Aufenthalte beim ITS. „Dank der Dokumente hier habe ich einen großen Sprung nach vorne gemacht bei meinen Recherchen. Daher komme ich bestimmt noch öfter nach Arolsen“, kündigte er an.