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Historicum20 eröffnet

Das ehemalige Stabsgebäude der Kaserne in Bad Arolsen ist dank des Vereins Historicum20 seit vergangenem Samstag ein Museum. Es erzählt die wechselvolle Geschichte der Kaserne von 1867 bis 1994, von der Kaiserzeit bis zum Abzug der belgischen Nato-Truppen. Von 1949 bis 1952 war hier auch der Internationale Suchdienst (ITS) untergebracht. „Die Geschichte der Kaserne ist eine besondere, die die Stadt mit geprägt hat“, sagte Dr. Ulrike Adamek vom Hessischen Museumsverband anlässlich der Eröffnungsveranstaltung vor 150 Gästen.

Das Museum bezeichnete Adamek als ein Paradebeispiel dafür, was bewirkt werden könne, wenn Haupt- und Ehrenamt in vorbildlicher Weise zusammenspielten. „Dies ist auch ein Grund dafür, dass die Qualität des Museums ganz oben auf der Messskala steht.“ Im oberen Stockwerk des Gebäudes werden chronologisch die verschiedenen zeitlichen Epochen dargestellt: Nach dem Abzug des Waldecker Regimentes am Ende des Ersten Weltkrieges stand die Kaserne zunächst leer. Dann nutzte die Weimarer Republik sie als Schule. Während des Nationalsozialismus waren hier eine SA-Sportschule und dann eine SS-Führerschule untergebracht. Bis zu 120 Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald wurden im Außenkommando „Arthur“ von November 1943 bis März 1945 zur Bewirtschaftung und zu Umbauarbeiten in der Führerschule eingesetzt. Ein Raum der Erinnerung nimmt ihr Schicksal und das der vertriebenen und ermordeten jüdischen Familien aus Arolsen auf.

Zeitleisten an den Wänden stellen die Ereignisse in Arolsen in Kontext zur Geschichte Deutschlands und der Welt. Das Foyer und der Eingangsbereich sind der Geschichte des ITS gewidmet. Ein Schularchiv sowie ein Jugendforum im Erdgeschoss sollen jungen Menschen die Auseinandersetzung mit der Lokalgeschichte ermöglichen und Platz für eigene Präsentationen bieten. In einem weiteren Raum stellen Migrantenfamilien ihre Geschichte vor. „Hier wird bewusst die Frage aufgeworfen, was eigentlich Heimat ist“, unterstrich Adamek. So stellte die gesamte Ausstellung persönliche Schicksale auf einfühlsame Weise in den geschichtlichen Kontext.

Da das Kasernengebäude seit 1994 teilweise leer gestanden hatte, waren umfassende Renovierungsarbeiten notwendig gewesen. In mühevoller Kleinarbeit wurden Leitungen neu verlegt und historische Bauteile wieder frei gelegt. „Von den Eigenheiten eines 150 Jahre alten Gebäudes haben wir uns falsche Vorstellungen gemacht“, räumte Dr. Bernd Joachim Zimmer ein, Vorsitzender des Historicum20 und Hauptverantwortlicher des Projektes. „Es gab keine Heizung, die elektrischen Leitungen waren rudimentär und die Wände von sehr unterschiedlicher Substanz.“ Die Kosten für den Umbau ermöglichten private Spender und Sponsoren, zu denen unter anderem auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) gehörte.

Waltraud Burger von der Gedenkstätte Dachau betonte die Bedeutung von Formen der Erinnerung, die auch in die Zukunft wirkten. „Mit den Ritualen der Gedenkveranstaltungen können Jugendliche oft nichts anfangen.“ Ihr Interesse an Geschichte sei da, aber die Art der Vermittlung stoße auf Ablehnung. „In einer virtuellen Welt sind Jugendliche auf der Suche nach Echtem wie diesem steinernen Zeugnis der Lokalgeschichte. Es ermöglicht eine spannende Verbindung von Kultur und Geschichte über ein Jahrhundert hinweg und kann Anknüpfungspunkt für eine generationenübergreifende Identität der Arolser sein.“

Ein „ausgeprägter Individualismus“ und „konzentrierter Gegenwartsbezug“ führten dazu, dass das Verständnis für historische Zusammenhänge verloren ginge, warnte der Erste Kreistagsabgeordnete Jens Deutschendorf. „Das Historicum20 geht innovative Wege, um Geschichte wieder erlebbar zu machen.“ Öffnungszeiten und Führungen durch die neue Ausstellung stehen noch nicht fest. Am Wochenende ist sie jedoch schon zu besichtigen.