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„Ich bin glücklich zu leben.“

Drei Jahre ist Rudolf Brazda durch die Hölle des Konzentrationslagers Buchenwald gegangen. Er überlebte. Heute ist der 96-Jährige der letzte bekannte ehemalige Häftling aus der Verfolgtengruppe der Homosexuellen. „Ich hadere nicht mit meinem Los. Ich bin dankbar, dass ich lebe und noch so fit bin“, sagt der Senior lächelnd.

Erstmals nach 64 Jahren hat Brazda diese Woche beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen Einblick in seine Originaldokumente aus dem KZ Buchenwald genommen. – „Eingewiesen am 8. August 1942, Paragraph 175 Homosexuell, Häftlingsnummer 7952, rosa Winkel“ - Zugangsliste, Effektenkarte, Häftlingspersonalbogen, Arbeitskommando. Nüchtern führt die Bürokratie des Schreckens seine Entwürdigung auf.

„Mit der Vergangenheit habe ich abgeschlossen“, äußert Brazda beim Blick auf die Unterlagen. Doch seine Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung klingen frisch. Als die Nationalsozialisten die Macht übernehmen, ist Brazda 20 Jahre alt. Erste Erfahrungen mit seiner Homosexualität hat der in Brossen bei Leipzig geborene Sohn tschechischer Eltern noch zur Zeit der Weimarer Republik gemacht, als Schwule und Lesben frei leben konnten. Der Paragraph 175 des Reichsstrafgesetzbuches, der Beziehungen zwischen Männern unter Strafe stellte, existierte bereits. „Aber er wurde ignoriert“, erinnert sich Brazda. Mit seinem Freund Werner zieht er bei einer Zeugin Jehovas als Untermieter ein, die trotz ihrer Religiosität die Beziehung akzeptiert.

Seine erste Begegnung mit der Brutalität der neuen Machthaber in Deutschland macht Brazda im Café New York, einem bekannten Leipziger Schwulentreff. „Die SA schleifte uns an den Haaren heraus“, so Brazda. „Vorauseilender Gehorsam. Schließlich war SA-Führer Ernst Röhm selbst homosexuell.“ Dieser wurde jedoch am 1. Juli 1934 auf Befehl Hitlers erschossen. Nach der Schließung der Lokale und Treffpunkte begann die systematische Verfolgung der Homosexuellen.

Von den Nationalsozialisten wurde jede Minderheit, jedes Anderssein gnadenlos unterdrückt. Über 100.000 schwule Männer wurden erfasst, rund 50.000 verurteilt. Eine unbekannte Zahl landete in psychiatrischen Anstalten. Hunderte wurden auf gerichtliche Anordnung hin kastriert. Etwa 10.000 kamen mit einem rosa Winkel an der Häftlingskleidung in Konzentrationslager. Über die Hälfte wurde ermordet.

Brazda verurteilen die Nationalsozialisten erstmals 1937 wegen „widernatürlicher Unzucht“ zu sechs Monaten Haft in Altenburg. Nach seiner Entlassung wird der gebürtige Sachse abgeschoben in die Tschechei. Doch der Nationalsozialismus holt ihn auch hier wieder ein. Mit der Besetzung des Sudetenlandes durch die Deutschen im Oktober 1938 muss Brazda täglich mit einer Verhaftung rechnen. „Wir waren wie gehetztes Wild – die Homosexuellen. Wohin ich mit meinem Freund auch ging, die Nazis waren immer schon da“, erinnert sich der 96-Jährige.

Am 1. April 1941 wird Brazda verhaftet und nach 16 Monaten im Gefängnis ins KZ Buchenwald deportiert. Schmerzhaft bleibt für den jungen Mann der Moment in Erinnerung, als ihm bei der Ankunft in Buchenwald ein SS-Mann die goldene Kette vom Hals reißt. „Sie war ein Geschenk meines Freundes gewesen“, erzählt Brazda. Doch der gnadenlose Alltag im KZ akzeptiert nichts Persönliches. Er degradiert die Menschen zu Nummern.

In der Regel wurden Homosexuelle im KZ Buchenwald zur Schwerstarbeit im Steinbruch eingesetzt. Die Überlebenschancen waren gering. Brazda hat Glück. „Wie so oft in meinem Leben“, betont der 96-Jährige. Ein Kapo, der für die SS die Arbeit der Häftlinge überwacht, verliebt sich in Brazda. Er holt ihn in ein weniger aufreibendes Arbeitskommando als Dachdecker, seinem erlernten Beruf.

Erneut gerät Brazda in Gefahr, als er eines Tages einem SS-Mann die falsche Antwort gibt. Dieser schlägt ihm drei Zähne aus und kündigt seinen Tod für den kommenden Tag an. Wieder rettet ihn der Kapo. Brazda sei als Handwerker eine wichtige Arbeitskraft. „Andere mussten sterben, und ich bin durchgekommen“, wiederholt Brazda immer wieder. Er erzählt von einem jungen Mann, der sich nach der Ankunft im KZ die Augen ausgestochen habe, um ins Krankenlager zu kommen und der todbringenden Arbeit im Steinbruch zu entgehen. „Alles, was ihn im Krankenbau erwartete, war die Giftspritze. Ich sah ihn nie wieder.“

Kurz vor dem Ende des Krieges drohten die Todesmärsche, die in einem letzten Akt der NS-Willkür zahlreichen Häftlingen das Leben kosteten. Nochmals steht Brazda das Glück zur Seite. Ein anderer Kapo versteckt ihn für drei Wochen im Geräteschuppen des Schweinestalls und bringt ihm Essen. Am 11. April 1945 befreit schließlich die US-Armee das Lager. „Nach allem, was ich durchlitten habe, kenne ich keine Angst mehr“, sagt Brazda rückblickend. „Niemand kann seinem Schicksal entgehen. Die Welt ändert sich laufend.“

Nach dem Krieg ließ sich der mittlerweile 32-Jährige mit einem Mithäftling im Elsaß nieder. Hier stand Homosexualität nicht unter Strafe. In der Bundesrepublik wurde der Paragraph 175 erst 1969 reformiert und 1994 endgültig abgeschafft. In Mulhouse lernte Brazda 1950 seinen Lebenspartner Eddi kennen, mit dem er bis zu dessen Tod 2002 zusammen blieb.

Millionen von Menschen seien kaputt gegangen unter dem Regime der Nationalsozialisten, mahnt Brazda. „Doch mich haben sie nicht zerstört. Ich schäme mich nicht.“ Ein lebensbejahender und herzlicher Mensch ist der 96-Jährige heute. Er lacht gerne und viel. Und er teilt seine Erfahrungen mit der jungen Generation von Schwulen und Lesben. „Sie können sich glücklich schätzen, in einer freien Demokratie zu leben.“