a A

„Ich fand nicht nur eine Mutter, sondern auch eine wunderbare Familie“

In einem bewegenden Vortrag berichtete Dagmar Nabert, Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin, vor 110 Zuhörern über die Suche nach ihren Wurzeln. Die Veranstaltung fand auf Einladung des Internationalen Suchdienstes (ITS) und des Geschichtsvereins Historicum20 am 26. Januar 2011 in der Stadtkirche von Bad Arolsen statt. „Es war mir ein Herzensbedürfnis, hierher zu kommen“, sagte Nabert. „Meine Geschichte zeigt, was der ITS einem einzelnen Menschen bedeuten kann. Es ist ein Ort der Mahnung, Erinnerung und des Wissens, ohne dessen Hilfe ich heute nicht hier stünde.“

Naberts Geschichte beginnt im Winter 1942. Ihre Mutter Klawa Steblewa wird von den Nationalsozialisten nach Deutschland verschleppt und kommt in den Haushalt eines Arztes. Klawa verschweigt ihre Schwangerschaft zunächst. Andernfalls wäre sie zur Abtreibung gezwungen worden. Am 18. Dezember 1943 wird Dagmar Nabert unter dem Namen Alla Steblewa in Burg bei Magdeburg geboren.

Die Arztfamilie nimmt Mutter und Kind zunächst für ein Vierteljahr heimlich auf, doch dann muss Klawa ihr Kind ein Heim geben. Einmal die Woche besucht sie ihr Kind, bis sie Tuberkulose bekommt und in einen Krankenbau für Zwangsarbeiter nach Dessau abgeschoben wird. Nach einem Bombeneinschlag kann sie unverletzt entkommen. In Magdeburg wird sie schließlich befreit durch US-Armee. Ihr erster Weg führt zum Kinderheim. Doch dieses war zerstört. „Sie irrte verzweifelt durch die Gegend“, berichtet Nabert. „Schließlich kehrte sie in die Heimat zurück. Mich konnte sie nie vergessen.“

Alla wird von einer Pflegefamilie aufgenommen und erhält den deutschen Namen Dagmar. „Meine Kindheit war wunderbar“, erinnert sich Nabert. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr – da sagt ihr ein Nachbarskind, dass ihre Eltern nicht die leiblichen wären, sie eine russische Mutter hätte. „Ich fiel in ein Loch, aus dem ich mich nicht mehr herausreißen konnte. Mit meinen Pflegeeltern konnte ich nicht darüber reden. Ich malte düstere Bilder. Das unheimliche Wissen verfolgte mich. Erst meinem späteren Ehemann vertraute ich mich an.“

Nach dem Fall der Mauer 1989 begann die intensive Suche nach der leiblichen Mutter. „Als ich mit meiner Adoptivmutter endlich sprach, mussten die Gefühle außen vor bleiben. Sie sagte mir, meine Eltern seien vermutlich tot. Doch die Fragen, wer bin ich, woher kommt meine Mutter, wie alt wäre sie heute – diese Fragen ließen mich nicht los. Ich wollte wissen, wo meine eigentlichen Wurzeln lagen.“ In Burg bei Magdeburg erhielt Nabert den Tipp vom Suchdienst des DRK in München, von dort aus wurde sie an den ITS verwiesen. „Bis dahin hatte ich nichts von dieser Institution gehört. Doch hier erhielt ich die ersten Information zum Geburtsdatum meiner Mutter, dem Ort der Verschleppung Belgorod sowie den Namen des Arztes, bei dem sie Zwangsarbeiterin war.“

Nabert ließ nicht locker. Sie ging jeder Spur nach und wandte sich schließlich auch an die Medien. „Es war kein leichter Entschluss, nach Jahrzehnten des Schweigens ausgerechnet an die Öffentlichkeit zu gehen“, so Nabert. „Doch die Hoffnung, auf etwas Licht im Dunkel meiner Geschichte, trieb mich an.“ Eine Nachbarin ihrer Mutter in Belgorod liest schließlich einen Artikel über Naberts Suche in einer russischen Zeitung und spricht Klawa an. „Meine Mutter hatte viele Jahre lang schweigen müssen aus Angst, nach Siberien verbannt zu werden“, berichtet Nabert. „Für mich ist es das größte Geschenk überhaupt, dass sie in diesem Moment sagte: ja, ich hatte eine Tochter.“ Klawa weiht ihre Familie in das größte Geheimnis ihres Lebens ein und zu ihrer großen Freude sind die Kinder glücklich, eine Schwester zu bekommen. Die Familie übermittelt Dagmar, dass sie erwartet wird und schnellstens nach Belgorod kommen solle.

1999 fährt Nabert gemeinsam mit ihrem Mann erstmals nach Russland. „Die Anspannung war kaum zu ertragen“, rekapituliert die Bad Harzburgerin. „Ich hatte das Gefühl, mein eigentliches Heimatland zu betreten. Als ich meiner Mutter in die Arme fiel, weinte ich. Wir weinten, alle weinten. Ich hatte nicht nur meine Mutter gefunden, sondern auch eine wunderbare Familie. Die Herzlichkeit war kaum in Worte zu fassen.“ Fünf intensive Tage des Erzählens und Kennenlernens seien es gewesen.

Trotz der großen Freude sagte die Mutter, „du kommst zu spät“, erinnert sich Nabert. „Und so empfand ich es auch. Dennoch konnte unser Leben nun endlich zur Ruhe kommen.“ Sie besucht den Geburtsort der Mutter und das Grab der Großeltern. Und sie besichtigt in Russland eine Gedenkstätte über den Zweiten Weltkrieg. „Von da an beschloss ich, mich Europäerin zu nennen. Ich wusste nicht mehr, ob ich Deutsche oder Russin war.“

Als besonders schmerzhaft empfand Nabert die Sprachbarriere. „Es gibt nichts Schlimmeres, als sich mit der eigenen Mutter nicht unterhalten zu können.“ Sie fing daher an, russisch zu lernen. Bis heute war sie zwölf Mal in Russland. Auch ihre Mutter unternahm mit 80 Jahren ihren ersten Flug – nach Deutschland. Sie traf Enkel und Urenkel und die Tochter des Arztes, bei dem sie als Zwangsarbeiterin war. „Eine bewegende Begegnung mit der Vergangenheit“, so Nabert. „Dennoch lassen sich 55 Jahre der Trennung nicht aufheben. Die Traurigkeit begleitete mich immer wieder bei unseren Treffen.“

Mittlerweile ist Naberts Mutter im Alter von 88 Jahren verstorben. Was bleibt ist die Geschichte von ihrer Tochter, die sei erst nach 55 Jahren wiedersah. „Ich möchte, dass die jungen Menschen nicht vergessen und für die Zukunft daraus lernen“, sagt Nabert.