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„Ich möchte erfahren, was aus den Menschen dort geworden ist“

Gustav Gangnus recherchiert im Archiv des ITS.

Gustav Gangnus hat eine Woche im Archiv des International Tracing Service (ITS) nach den Familiennamen Gangnus, Hasenfuß und Lutz recherchiert. „Hinter meiner Forschung stecken hauptsächlich private Motive“, sagt der 75-Jährige. „Ich bin in Riga geboren, da meine Vorfahren der Kolonie Hirschenhof in Livland im Baltikum angehörten. Ich möchte erfahren, was aus den Menschen dort geworden ist, insbesondere während der Zeit des Nationalsozialismus.“

Rund 300 Deutschen hatte Zarin Katharina II. Ende des 18. Jahrhunderts eine Einwanderung nach Lettland ermöglicht. Sie wollte bevölkerungsarme Regionen stärker besiedelt sehen. Und so entstand die Kolonie Hirschenhof südlich von Riga. Im Laufe der Zeit integrierten sich die deutschen Siedler. Doch nach dem Hitler-Stalin Pakt wurden die meisten Siedler zur „freiwilligen Rückkehr“ ins Deutsche Reich gezwungen. Einige schlossen sich den Nationalsozialisten an, andere wurden in Lagern untergebracht und ihr Verhalten im Hinblick auf die Treue zu Deutschland beobachtet. Zu den populärsten Nachfahren der „Hirschenhöfer“ gehört der deutsche Komiker Heinz Erhardt.

Beim ITS konnte Gangnus für einige Familienzweige Auswanderungen aus der Nachkriegszeit nach Kanada, Australien oder den USA entdecken. Die Hirschenhöfer, die in Deutschland wegen der Ehe mit Balten nicht eingebürgert worden waren, fanden sich nach dem Ende des Krieges in DP-Lagern wieder. Veröffentlicht hat Gangnus die ersten Ergebnisse seiner Nachforschungen in verschiedenen Artikeln und in seinem 2003 erschienenen Buch „Vom Elsass hinaus in die Welt“. Dank der Recherchen im Archiv des ITS kann er jetzt einige Angaben zum Verbleib der Siedler vom Hirschenhof ergänzen.